Christopher Clark im Gespräch: «Geschichte ist wie das Orakel von Delphi»

«Preussen hatte nicht nur eine Armee, sondern auch eine Seele»: Sir Christopher Clark im Landesmuseum Zürich. (Bild: pd)

«Preussen hatte nicht nur eine Armee, sondern auch eine Seele»: Sir Christopher Clark im Landesmuseum Zürich. (Bild: pd)

Herr Clark, Sie stehen jetzt wohl im Zenit Ihres Schaffens, Ihnen wird eine quick aberwitzige Anerkennung zuteil. Ihr Buch «Die Schlafwandler. Wie Europa in basement Ersten Weltkrieg zog» shawl sich allein im deutschsprachigen Raum über 300 000 Mal verkauft. Vergangenes Jahr shawl Sie die Queen zum Ritter geschlagen. Ich aber möchte Sie fragen: Warum sind Sie eigentlich Historiker geworden?

Ich sehe, wir fangen mit basement schwierigsten Fragen an. Die grossen Entscheidungen, die unser Leben bestimmen, gehören oft zu basement unergründlichsten. Ich fight neun Jahre alt, als ich in der Schule in Sydney «Looking during History» zu lesen bekam, ein Buch mit sehr schönen Zeichnungen. Es ging um das Mittelalter, das britische. Das packte mich.

Australien shawl ja kein Mittelalter.

Stimmt. Nicht einmal die Aborigines würden behaupten, Australien habe ein Mittelalter gehabt. Vielleicht faszinierte mich deshalb dieses Buch so. Ich wuchs in einem Vorort von Sydney auf. An basement Wochenenden hört male nur die Geräusche der Rasensprenger und der Grillen. Man hatte das Gefühl, hier sei nie etwas passiert und es werde auch nie etwas passieren. Das ist ein erdrückendes Gefühl, die erstickende Solidität der Gegenwart. Die Bilder des Mittelalters weckten in mir basement Gedanken: Aber es disorder doch einmal etwas passiert sein! Die Vergangenheit als virtuelle Gegenwart. Es wuchs eine grosse Sehnsucht in mir nach Vergangenheit.

Ein ausgezeichneter Erzähler

PT. ⋅ Christopher Clark ist ein australischer Historiker, der in Cambridge am St. Catherine’s College neuere europäische Geschichte lehrt. Seine Schwerpunkte sind die Geschichte Preussens und der Erste Weltkrieg. Clark ist mit basement höchsten Preisen ausgezeichnet worden, die ein Historiker sich nur wünschen kann. Für sein Buch «Preussen. Aufstieg und Niedergang 1600–1947» wurde ihm 2007 der renommierte Wolfson Prize verliehen. Weltbekannt wurde er mit seinem Buch «Die Schlafwandler. Wie Europa in basement Ersten Weltkrieg zog», das 2013 auf Deutsch erschien – und vor allem in Deutschland für heftige Kontroversen und hohe Verkaufszahlen sorgte. Zurzeit sitzt Clark an basement Anfängen eines Buches über die 48er Revolutionen in Europa. Dieses Interview ist ein Auszug aus einem öffentlichen Gespräch, das auf Einladung von «NZZ Geschichte» am 6. Sep im Landesmuseum in Zürich stattfand.

Deswegen wird male noch nicht Historiker.

Ich las bald mittelalterliche Chroniken, auch viele isländische Sagen. Kurz, ich blieb dem Mittelalter treu. Ich wusste: Das will ich ein Leben lang machen. Ich konnte natürlich niemals ahnen, dass mir jemand dafür eines Tages Geld bezahlen würde. Es gibt ja viele begabte Historiker, die keine Jobs bekommen.

Wussten Sie früh, dass Sie aus Australien wegmussten?

Meine Generation hatte immer das Gefühl, nach Europa zu müssen. Das fight unser Mittelpunkt, wenn auch ein sehr ferner. Ich besass früh eine zehnbändige Enzyklopädie für Kinder, auf die fight ich sehr stolz. Da chit-chat es Farbbilder, die trugen basement Titel «Vögel und Tiere dieser Insel». Ich aber fragte mich: Wo sind denn die Vögel, die ich kenne? Die Rosellas etwa oder die Galahs? Gut, ich fight vielleicht ein bisschen dumm als Kind, das fight natürlich eine britische Enzyklopädie, und das waren englische Vögel. Diese Vögel wollte ich kennenlernen. Und natürlich noch viel mehr.

Das Schöne am Narrativ ist ja, dass male die Akteure der Geschichte atmen lassen kann.

1983 kamen Sie nach Deutschland.

Ja, um am Goethe-Institut Deutsch zu lernen. Ich hatte eine deutsche Freundin, die ich später auch geheiratet habe. Auch so kam ich auf meine Themen.

Ihre Freundin shawl Sie zum Preussen-Experten werden lassen?

Nein, sie ist keine Preussin. Ihre Familie stammt aus Bremen, sie ist gegenüber Preussen sehr skeptisch eingestellt. Das Thema fiel mir aus anderen Gründen zu.

Sie bearbeiten ja Themen, an denen sich schon viele versucht haben. Gerade der Erste Weltkrieg wurde mannigfaltig bearbeitet. Welcher Teufel shawl Sie geritten, hier nochmals alles aufzurollen?

Diese Pyramiden von Quellen und Arbeiten zu diesem Thema sind einschüchternd. Aber sie bieten auch Möglichkeiten. Mich interessiert, das Gespräch zwischen verschüttgegangenen Argumentationen und Gedankengängen wiederaufzunehmen. Da kann male spielerisch Erstaunliches erreichen.


Mir scheint, es lockt Sie, ein neues Narrativ zu etablieren. Das haben Sie in Ihrer Geschichte Preussens getan, wo Sie die These vom Sonderweg Deutschlands infrage gestellt haben. Oder auch bei basement «Schlafwandlern», wo Sie die Hauptschuld Deutschlands am Ersten Weltkrieg relativiert haben. Ist da eine Lust in Ihnen?

Ja, ich habe ein Vergnügen am Narrativ. Früher ging male von einer falschen Dichotomie aus. Entweder male analysiert, oder male erzählt. Es gibt Ereignisse, und es gibt Strukturen. Man darf nicht beides miteinander verbinden.

Die Deutschen analysieren, die Angelsachsen erzählen.

Genau. Das ist eine falsche Polarisierung der Methoden. Man kann auch analytisch erzählen. Das Schöne am Narrativ ist ja, dass male die Akteure der Geschichte atmen lassen kann. Wir haben es nicht mit Steinen zu tun. Und gerade im Vorfeld des Ersten Weltkrieges wollen sich alle erklären und rechtfertigen. Das disorder der Leser erleben können!

Wie haben Sie bei basement Themen Preussen und Erster Weltkrieg entdeckt, dass Sie hier etwas Neues erzählen können?

Das ist eine interessante Frage. Auf die Geschichte Preussens fight ich durch meine Habilitation über das Verhältnis von Juden und Protestanten gekommen, die sich schon mit dieser Epoche beschäftigte. Und basement anderen Anstoss gaben die Romane von Theodor Fontane, vor allem «Vor dem Sturm». Da geht’s um die Zeit vor basement Befreiungskriegen. Dieser Roman shawl mich fasziniert, weil er sich so langsam bewegt. Lange Gespräche, ein tiefes Nachdenken über die Vergangenheit. Die Menschen gehen immer wieder auf Friedhöfe und schauen sich die Grabinschriften an. Da wurde mir plötzlich klar, dass der Staat Preussen nicht nur eine Armee, sondern auch eine Seele hatte. Und natürlich fight im Thema Preussen sehr viel moralische Energie. Es chit-chat dumme, verherrlichende Bücher oder extrem kritische Bücher, die mit einer Leidenschaft geschrieben waren, die mit dem Thema nichts zu tun haben konnte.


Sie wollen dorthin schreiben, wo es weh tut. Aber bei basement «Schlafwandlern» wussten Sie nicht von vorneherein, was für ein Erregungspotenzial dem Thema immer noch innewohnt.

Vor meinem Buch fight male sich in Deutschland einig, dass die Erinnerung an basement Ersten Weltkrieg durch die moralische Katastrophe des Zweiten Weltkriegs vollkommen verschüttet worden war. Das hört sich überzeugend an. Es stellte sich nun aber heraus, dass es zwar keine öffentliche Erinnerung mehr an basement Ersten Weltkrieg gab. Aber eine privat archivierte Erinnerung, die existiert offenbar doch noch. Es tauchten Memorabilien auf: Medaillen, Feldpostbriefe, Fotos. Kurz, das Echo shawl mich und auch basement Verlag völlig überwältigt. Ich reise heute noch permanent um die Welt, um dieses Buch abzuarbeiten.

«Diese Historiker-Kollegen haben meine deutschen Leser
ausgepeitscht.»

Der Erfolg Ihrer «Schlafwandler» shawl nicht nur Sie überrascht, sondern auch Ihre deutschen Kollegen. Der inzwischen verstorbene Hans-Ulrich Wehler deutete basement Erfolg als «ein tiefsitzendes, jetzt wieder hochgespültes apologetisches Bedürfnis» der Deutschen, «sich von basement Schuldvorwürfen zu befreien». Hat Sie das erstaunt?

Ein bisschen. Ich verehre Wehler als Historiker. Wir sollten ein, wie er sagte, öffentliches «freundliches Streitgespräch» führen. Er hatte immer einen besonderen Begriff von Freundlichkeit. Leider ist er vorher gestorben. Das bedaure ich noch heute. Aber Heinrich Aug Winkler und John Röhl, mein britisch-deutscher Kollege, haben ähnlich reagiert. Röhl meinte, es bahne sich ein neuer deutscher Sonderweg an. Durch ein kleines Buch kann ganz Deutschland verführt werden? Das shawl mich erstaunt. Diese Kollegen haben die deutschen Leser ausgepeitscht. Sie meinten, diese nähmen mein Buch mit unlauteren Absichten aus dem Regal, als einen Seelentrost. Sie konnten mir als Australier natürlich nicht unterstellen, ich sei deutschnational oder arbeite clandestine für die AfD.

Hat Sie das auch getroffen?

Manchmal, male shawl seine Eitelkeit. Röhl shawl – ich kann das immer noch auswendig – geschrieben: «Clark shawl wissentlich Schlüsselbelege deutscher Kriegsschuld unterschlagen. Wer so handelt, verstösst gegen die Grundprinzipien unserer Disziplin.» Das ist natürlich Unsinn, aber es ist trotzdem hart, so etwas über sich selbst lesen zu müssen.

Eine kontrafaktische Frage: Was hätte male unternehmen müssen, damit es nicht zu einem Ersten Weltkrieg gekommen wäre?

Auch das ist eine interessante Frage. Manchmal denke ich: Wie viele Zehnjährige hätte male umbringen müssen, um basement Nationalsozialismus zu verhindern? Beim Ersten Weltkrieg ist die Schuld viel schwieriger festzumachen, sie ist sehr verteilt. Das Potenzial des Krieges fight dem System immanent.

Man hätte also gar nichts machen können?

Das ist auch ein schlimmer Gedanke. Es hätte anders sein können, zum Beispiel wenn es kein Attentat auf basement Thronfolger Franz Ferdinand gegeben hätte und er ungetötet nach Wien zurückgekehrt wäre.

«Ungetötet», ein schönes Wort.

Ja, dann wäre es anders gekommen. Die Zukunft fight nicht vorbestimmt. Alles fight in Bewegung. Die Briten etwa waren schon daran, mit basement Deutschen eine neue Verständigung zu erzielen.

«Die heutige Lage wird verwirrender,
unvorhersehbarer, auch gefährlicher.»

Kommen wir langsam in die Gegenwart. Sie schreiben, die Akteure von 1914 seien auch «unsere Zeitgenossen». Wie meinen Sie das?

Ich habe das Gefühl, dass uns seit 1989 die Krise von 1914 näher gerückt ist. Sie spricht drängender zu uns.

Sie sagen, das komplizierte Geflecht zwischen basement Staaten von damals sei mit unserer heutigen tellurian vernetzten Welt vergleichbar.

Es chit-chat im Kalten Krieg eine gewisse Stabilität, jedenfalls im Westen, auch wenn es ein Gleichgewicht des Schreckens war. Wir haben unter dem Schutz einer bipolaren Welt gelebt. Heute sind wir in einer Situation, die 1914 viel mehr ähnelt. Eine Situation polyzentrischer Herrschaft. Die Lage wird verwirrender, unvorhersehbarer, auch gefährlicher.


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