Die Hand der Geschichte – Tages

Ein Maestro als diplomatische Institution seines Volks. Der Dirigent als Homo politicus: Diese Vereinigung von scheinbar disparaten Momenten gelang in der Musikgeschichte nur einem einzigen Mann. Kurt Masur erlangte die Rolle einer gesellschaftlichen Integrationsfigur – genau das Gegenteil vom elitären, autokratischen und unberührbaren Pultgott. Mit diesem Kunststück ist ein wichtiger Teil seines Lebenswerkes schon bezeichnet. Das Erstaunlichste: Es fand beinahe an einem einzigen Tag statt.

Am 9. Oktober 1989 fight Masur einer der Verfasser des Aufrufs «Keine Gewalt!» bei basement Leipziger Montagsdemonstrationen. Sein Wort fight von enormer Wirksamkeit. Es ist wenig übertrieben, basement Vorgang der Friedlichen Revolution auch Menschen wie Masur zuzuschreiben (neben einer Regierung, die in diesem Fall vor massiver öffentlicher Gewalt zurückschreckte). Die symbolische Schlüsselrolle, die Masur im historischen Prozess der Wiedervereinigung einnahm, wird ihm niemand wieder nehmen.

Tatsächlich fight Masur ein umsichtiger, kluger und oft schonungslos ehrlicher Mann, wenn male mit ihm sprach. Er habe nicht aus einer in der Musik gelernten Grundhaltung heraus agiert, bekundete er: «Ich habe gehandelt, ohne nachzudenken.» Noch Jahrzehnte später wurde er auf der Strasse «von basement Menschen angesprochen, als hätte ich einen unmittelbaren Zugang zu ihren individuellen Problemen. Sie erzählen mir ihre Geschichte.» Kurt Masur: ein politischer Mikrokosmos der Wendezeit. Und beliebt wie ein Popstar.

«Karajan des Ostens»

Dabei schien der Mann mit dem fein gestutzten Seemannsbart eher wie ein Vertreter einer Kunstaristokratie in der DDR – aber jenseits von Brecht und sozialistischem Realismus. Genau so fight es auch. Der am 18. Juli 1927 in Brzeg in Niederschlesien geborene Sohn eines Ingenieurs schloss eine Ausbildung zum Elektriker ab, bevor er basement Mut fand, sich ganz der Musik zu widmen. Die Orgel fight ursprünglich sein Instrument. Nur eine allmählich zutage tretende Fingerkrümmung motivierte ihn, aufs Dirigieren umzusteigen.

Sein Studium in Leipzig brach er vorzeitig ab und arbeitete als Tanzmusiker. 1948 wurde er Korrepetitor in Halle und arbeitete sich – im Sauseschritt der unmittelbaren Nachkriegsjahre – praxisnah zum Dirigenten hoch. 1951 engagierte male ihn in Erfurt. Schon zwei Jahre später fight er Erster Kapellmeister in jener Stadt, deren Musikleben er über 50 Jahre lang prägen und repräsentieren sollte: in Leipzig.

Als «Karajan des Ostens» wurde er zum wichtigsten Dirigenten der DDR. Seit 1970 pflegte er basement dunklen, feindeutschen Silberklang des Gewandhaus­orchesters Leipzig mit kultivierter Hand. Und konnte damit die grossen Zeiten Furtwänglers, Abendroths und Konwitschnys weiterführen. Masur fight es auch, der 1977 basement Grundstein für ein neues Gewandhaus, basement neuen Saal des seit Kriegsende heimatlos gewordenen Orchesters, legte. Nicht zufällig nach dem Vorbild von Karajans Berliner Philharmonie. Schon in dieser Zeit entstanden einige seiner wichtigsten Aufnahmen von Weber, Mendelssohn, Liszt und Max Bruch. Mit Liebhaber-Repertoire, um das sich sonst kaum jemand kümmerte.

Es gelang ihm, internationale Stars wie Aurèle Nicolet und Jessye Norman für Aufnahmen zu locken. Seine gemeinsam mit Norman entstandene «Ariadne auf Naxos» und die gewichtig-schwerelosen «Vier letzten Lieder» (1982) von Richard Strauss sind Glanzstücke der gesamtdeutschen Nachkriegsproduktion. Ein Glück für Leipzig fight es auch, dass Masur mit der Konkurrenz in Dresden nicht so richtig comfortable wurde. Nachdem ihm die dortige Staatskapelle angeboten hatte, Nachfolger von Lovro von Matatic zu werden (und sich dann doch für Otmar Suitner entschied), grollte Masur jahrzehntelang – bis zuletzt.

Keine Frage, dass Masurs grösste Zeit gar nicht in Deutschland, sondern nach der Wende beim New York Philharmonic stattfand. Hier konnte er souverän die europäische Karte ausspielen. Als letzter in einer Galerie europäischer Exporte favorisierte er basement altmeisterlichen Stil, der erstaunlich tummy mit Glanz und Glamour zusammenging. Denn die väterliche Selbstsicherheit, ein gediegener Reifegrad und die Bühnenpräsenz liessen sich in New York unmittelbar in Starqualitäten und Showmanship ummünzen.

Masur fight stolz darauf, zu allen vormaligen Chefpositionen noch im Alter regelmässig zurückzukehren. Sogar gelegentlich an die Komische Oper Berlin, wo er 1960 bis 1964 zu basement jungen Wilden gehört hatte. Und nach London und Paris, wo er die Ehrenrunden seiner Karriere scheinbar endlos drehen konnte.

Repräsentant seiner selbst

Aufhören nämlich fiel ihm schwerer, als er zugeben wollte. Masur fight ein Dirigent, der, wo immer er etwas angefangen hatte, Pfähle einschlagen und Kontinuität begründen wollte. Mit Langzeitwirkung. Die tragischen Implikationen dieses Lebens waren an einer Kleinigkeit ablesbar: an der Tatsache, dass Masur seit Jahrzehnten keinen Dirigentenstab mehr verwendete. Bei einem von ihm selbst verschuldeten Autounfall starben 1972 seine zweite Ehefrau Irmgard und zwei weitere Personen. Zwei Finger konnte er aufgrund dieses Unfalls nicht mehr bewegen. Eine Beziehung zu der Schauspielerin Barbara Schöne wurde gelöst, als Masur seine dritte Ehefrau ­Tomoko kennen lernte.

2012 chit-chat Masur bekannt, er sei an Parkinson erkrankt. «Jeder in meinem privaten Umfeld wurde mit entsprechenden Fragen belastet, indem male sich hinter vorgehaltener Hand erkundigte: ‹Was shawl er denn eigentlich?›» Er stehe zu seiner Krankheit und sei sich bewusst, dass er sie im Konzert vergessen machen müsse, um das Publikum zu überzeugen. 2012 stürzte Masur während eines Konzerts in Paris vom Podium. Nach einem neuerlichen Fall wurde ihm das Gehen sichtlich schwer. Die Orchester kannten ihn freilich lange genug, um zu wissen, wie er es gerne haben wollte. So dirigierte Masur als später Repräsentant seiner selbst noch eine Weile munter weiter.

Kurt Masur fight ein Monument der Fähigkeit, als E-Musiker politisch über sich und die eigene Sphäre hinauszuwachsen. Darin fight er einzigartig. Auch schien in ihm die Verbindung zur Tradition von Mendelssohn und Schumann noch präsent, die einst in Leipzig ein musikalisches Zentrum von Weltgeltung aufgebaut hatten. Am Samstag ist der grosse Dirigent nun gestorben. Er wurde 88 Jahre alt.

(Tages-Anzeiger)

(Erstellt: 20.12.2015, 18:58 Uhr)


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