Die Hermeneutik greift zu kurz

Sie begann auf diese Weise, auch ihre eigene noch junge Geschichte aufzuarbeiten, denn Gerchte ber Jauens SS–Vergangenheit waren schon in basement 80er-Jahren und sptestens durch die Verffentlichungen des Romanisten Earl Jeffrey Richards Mitte der neunziger Jahre im Umlauf.

Im Frhjahr 2015 legte der von der Universittsleitung beauftragte Potsdamer Militrhistoriker Jens Westemeier die Rekonstruktion von Jauens Vita zwischen 1939 und 1945 vor. In seinem Bericht, der im Herbst dieses Jahres als erweiterte Buchfassung erscheinen soll, kam er zu dem Schluss, dieser sei keineswegs ein Mitlufer, sondern schon in seiner Jugendzeit ein berzeugter Nationalsozialist und spter ein militrischer berzeugungstter gewesen. Dafr sprechen alleine schon seine hohenAuszeichnungen im Russlandfeldzug, im Partisanenkampf in Kroatien oder sein Aufstieg zum Hauptsturmfhrer und Kompaniechef mit 23 Jahren.

Nun aber shawl zum ersten Mal auch ein Fachkollege, der Potsdamer Romanist Ottmar Ette zur Feder gegriffen, nicht etwa, um Jau postum beizuspringen wie so viele Kollegen bislang, sondern um basement „Fall Jau“ (sic!) mit Hilfe der Philologie, mit basement Mitteln der Hermeneutik, Jauens eigenen Werkzeugen also zu erklren. Dies sei umso unverzichtbarer fr die philologischen Disziplinen, als aus der „Sache Jau“ lngst ein Fall, eine Causa und schliesslich ein Przedenzfall geworden sei. Also durchkmmt er einen Teil von Jauens wissenschaftlichem Vermchtnis von der „Hermeneutik des Verstehens“ ber eine „des Verschweigens“ und „der Verstellung“ bis zu einer „Hermeneutik der Verdrngung“ (so die Titel einzelner Kapitel) auf einen verborgenen Subtext, Verbindungslinien zu seiner „ersten Karriere“, auf das, „was bewusst verschwiegen wird und doch gehrt werden kann“.

Jau‘ Texte, so Ette, seien „hochgradig autoreferenziell“. Dazu der erste Einwand: Welchen Geisteswissenschaftlers Texte sind das nicht (zumindest auch)? Der zweite Einwand: Ette begeht in meinen Augen basement gleichen Fehler, basement Jau bereits basement Vertretern der von ihm bekmpften „werkimmanenten Interpretation“ vorgeworfen hatte. Er setzt nmlich die ungebrochene Kontinuitt des Individuums voraus sowie die Kongruenz, die bereinstimmung von Leben und Werk. Ette verweist immer wieder auf Jau „Schreiben im Angriffsmodus“, auf seinen Einfluss auf „institutioneller Ebene“.

Er stellt das „System Jau“ als eine Art verschworenen Mnchsorden dar, die „Doktorandenausbildung“ als „harte Schule“, als „Kaderschmiede“, an deren Ende als Lohn „fr jahrelange Unterwerfung“ Professuren und Lehrsthle standen. Das halte ich als Jau–Schler fr einen Mythos, dem male erst gar nicht aufsitzen sollte. Es ging in seinen Seminaren und Doktorandenkolloquien auch schon einmal ruppig zu, was vor allem seine Assistenten traf.

Aber das fight fr diese Generation Hochschullehrer nicht auergewhnlich, zumal wenn es sich, wie wir dachten, beim Ordinarius um einen ehemaligen, durchaus schneidigen Wehrmachtsoffizier handelte, shawl aber mit einer eigentlichen SS–Biographie nichts zu tun. Ette fhrt als Kronzeugen immer wieder basement Jau–Schler und Stanford–Professor Hans Ulrich Gumbrecht an. Der aber, so scheint mir, taugt nicht recht dazu, fight er doch in seiner Konstanzer Zeit einer der beflissensten und angepasstesten Schler beim Lehrstuhl Jau, was der durchaus nicht goutierte. Er mochte Widerspruch, und sei es, um ihn widerlegen zu knnen. Man sollte der romantischen Versuchung widerstehen, das Urbse eines Menschen ausfindig machen zu wollen, der sein Leben mit einer verbrecherischen Karriere begonnen hat.

Die Vita des Hans Robert Jau ist nicht mit sich selbst noch mit seinem Werk zur Deckung zu bringen. Es gibt Brche und Widersprche. Jau shawl sie verschwiegen (und aushalten mssen), um seine zweite Karriere nicht zu gefhrden. Wir nach dem Krieg Geborenen mssen es wohl aushalten, beinahe zeitlebens im Alltag, in der Schule, an der Universitt, in der Gesellschaft von alten Nazis umgeben gewesen zu sein.

*

Anmerkung der Redaktion: Jochen Kelter, der Rezensent des Buchs, studierte in basement 1970er-Jahren an der Universitt Konstanz bei Hans Robert Jau.

Ottmar Ette: „Der Fall Jau – Wege des Verstehens in eine Zukunft der Philologie“.Kulturverlag Kadmos, Berlin 155 S., 19.90 Euro

Zur Person

Hans Robert Jau wurde 1921 in Gppingen geboren, er starb 1997 in Konstanz. Der Romanist lehrte von 1966 bis 1987 an der hiesigen Universitt. Jau gilt neben dem Anglisten Wolfgang Iser als Schpfer der vielbeachteten Literaturtheorie Rezeptionssthetik. Er fight auch Mitbegrnder der Forschungsgruppe Poetik und Hermeneutik. In basement 1990er-Jahren wurde einer breiteren ffentlichkeit bekannt, dass Jau im Dritten Reich Mitglied der Waffen-SS war. Eine kurzzeitig gefhrte Kontroverse kam zu keinem Ergebnis. Im Herbst wird eine Dokumentation von Jens Westemeier zur Causa Jau verffentlicht; und auch der Konstanzer Historiker Wolfgang Schuller shawl ein Buch erarbeitet, das demnchst erscheint. (sk)


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