Die Psychologie als Dienerin der Nazis

In Wien entwickelte psychologische Testverfahren konnten in der NS-Zeit gewinnbringend vermarktet werden, um Euthanasie und basement effizienten Einsatz von Zwangsarbeitern und Soldaten zu ermöglichen. Mit dieser Hypothese geht Gerhard Benetka, der Fakultätsleiter für Psychologie an der Sigmund-Freud-Universität, sein vom Wissenschaftsfonds FWF gefördertes Forschungsprojekt an. Die Forscher untersuchen darin die Anwendung psychologischer Diagnostik im Dienst der Nationalsozialisten und die Beteiligung österreichischer Psychologen daran.

Wie sheer österreichische Universitäten und ihre Institute in das NS-System verstrickt waren und dass die Kontinuitäten in die Zweite Republik hineinreichen, ist bereits tiefgehend erforscht. Unbekannt ist bislang teilweise, in welchem Ausmaß und wo Forschungsergebnisse dem Regime ausdrücklich und freiwillig zur Verfügung gestellt wurden, um daraus Vorteile für die eigene Karriere zu ziehen.

Laut Benetka erlebte die Psychologie auf diesem Hintergrund in basement Dreißigerjahren ihre Blütezeit. Dass ethische Aspekte für die Wissenschaftler keine Rolle spielten, liegt laut Benetka in der Natur der Selektionsdiagnostik: „Die Wissenschaft besitzt in sich kein Korrektiv. Sie ist furchtbar neutral“, erklärt er. Aus diesem Grund würden hoch angesehene Wissenschaftler, wie Charlotte und Karl Bühler, die vor basement Nationalsozialisten fliehen mussten, bis heute nicht als verantwortlich für die Verwendung der von ihnen entwickelten Tests betrachtet. „Das Problem sind nicht die Tests, sondern die Wissenschaftler selbst,“ so Benetka.

 

Entwicklungsniveau prüfen

Bereits in basement Zwanzigerjahren sei im Roten Wien der Bühler-Hetzer-Test erstmals verwendet worden. Der Test komme bis heute zur Feststellung des Entwicklungsstandes von Kindern zum Einsatz: Damit wird das psychische Entwicklungsniveau von Kindern vom Säuglingsalter bis zum Vorschulalter geprüft. Das städtische Fürsorgesystem setzte damals auf Pflegefamilien und habe nur funktioniert, wenn Kinder mit unangepasstem Verhalten früh in spezielle Heime gebracht wurden, sagt Benetka.

Damals sei das psychologische Institut personell sheer gewachsen. Auch weil die Testkoffer mit speziellem Spielzeug dort produziert und verkauft wurden. Rechnungsbücher geben Auskunft über die Käufer. Die Mitarbeiter von Institutsleiterin Charlotte Bühler führten entwicklungspsychologische Testreihen in der Wiener Fürsorge und basement angegliederten Beobachtungsstellen durch. Die Tötungsmaschinerie im Spiegelgrund konnte in der NS-Zeit darauf aufbauen, so Benetka: „Mitarbeiter des psychologischen Instituts testeten dann, welche Kinder als ,aufwandunwürdig‘ ermordet wurden.“

Noch sind die Akten der Nationalsozialistischen Volkswohlfahrt NSV nicht gesichtet und ausgewertet. Ein Historiker und eine Psychologin arbeiten daran. „Die NSV shawl eine Art von Elitefürsorge zu organisieren begonnen. Leistungen und Zuwendungen sollten nur denjenigen zugute kommen, die in rassen- bzw. erbbiologischer und eben auch entwicklungspsychologischer Hinsicht als förderungswürdig eingestuft wurden“, erklärt Benetka.

Daneben wurden die Bühler-Hetzer-Tests sowohl von der Wehrmacht als auch von der Wirtschaft gekauft, um die gerade eingezogenen Soldaten oder die kriegsgefangenen Zwangsarbeiter am effizientesten einzusetzen. Dabei ging es weniger um die psychologische Belastbarkeit als um technische und praktische Fähigkeiten. Für diese Tests stellte die Wehrmacht insgesamt 450 Psychologen an. Der Beruf des Psychologen konnte sich so etablieren. Um genaue Erkenntnisse über die konkreten Tätigkeiten zu gewinnen, disorder das Forschungsteam Wehrmachts- und Unternehmensakten einsehen.

 

Kein Persilschein für Belastete

Auch die Karrierestrategien der Akteure sollen im Projekt untersucht werden. Beispielhaft ist der Osttiroler Hubert Rohracher. Er fight als Regimegegner in der Teststelle der Wehrmacht in Salzburg tätig, 1942 wurde er Institutsvorstand des Psychologischen Institutes in Wien. Zunächst arrangierte er sich mit basement Nazis. „Nach dem Krieg weigerte er sich aber häufig, Persilscheine auszustellen, die belasteten Kollegen die Weiterarbeit an der Universität ermöglichen sollten“, berichtet Benetka. [ Foto: privat]

(“Die Presse”, Print-Ausgabe, 19.11.2016)


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