Ein Leben für die Geschichte

Der in der deutschsprachigen Kultur kaum bekannte Croce entfaltet eine Geschichtsphilosophie, die historische Vergangenheit als lebendiges Geschehen begreift.

Croce betrachtet die Geschichte nicht als bloße Ansammlung von Fakten, sondern als Rekonstruktion vergangener Epochen, in der auch konkrete menschliche Handlungen und die damit verbundenen Emotionen einen wichtigen Stellenwert einnehmen.

Geschichte ist nicht einfach gelehrte Bildung, sie sammelt nicht Daten und Fakten oder bezieht sich auf sie, sondern sie ist die Intelligenz der Schöpfungen des menschlichen Geistes, der die Institutionen, das soziale Gefüge, die Ideen und Gefühle, die wissenschaftlichen Entdeckungen, die religiösen und philosophischen Bedeutungen der Dichtungen und der Kunst kreiert. (Benedetto Croce)

Ö1-Sendungshinweis

“Benedetto Croce. Ein Leben für die Geschichte. Zum 150. Geburtstag”: Dimensionen – die Welt der Wissenschaft. Dienstag, 23. Februar 2016, 19.05 Uhr

Biographie

Geboren wurde Benedetto Croce am 25. Februar 1866 als Sohn wohlhabender Eltern in der Kleinstadt Pescaseroli in basement Abruzzen. Nach dem Besuch einer katholischen Schule in Neapel begann er in Rom, Rechtswissenschaften zu studieren.

Er besuchte jedoch kaum Vorlesungen und betrieb eigenständig literarische und philosophische Studien. Schwerpunkte dabei waren der deutsche Idealismus und der historische Materialismus.

Durch ein schweres Erdbeben auf der Insel Ischia verlor er früh seine Eltern und seine Schwester. 1886 kam Croce nach Neapel, setzte seine Privatstudien installation und unternahm einige Reisen nach Spanien, Portugal, Holland und Frankreich. 1893 veröffentlichte er sein erstes philosophisches Werk “Die Geschichte auf basement allgemeinen Begriff der Kunst gebracht”.

1910 wurde Croce zum Senator ernannt, engagierte sich für ein Wahlbündnis von Liberalen, und Katholiken bei Kommunalwahlen in Neapel und fight 1920 kurzfristig Erziehungsminister. Nach dem Machtantritt von Mussolini legte er seine politischen Ämter zurück und widmete sich wieder seinen Studien. Nach dem 2. Weltkrieg setzte er seine politischen Aktivitäten als Vorsitzender der Liberalen Partei fort.

Neben basement seinen politischen Tätigkeiten und seinen geschichtsphilosophischen Werken wie “Die Geschichte des Königreiches Neapel”, “Geschichte Europas im 19.Jahrhundert” oder “Die Geschichte Italiens von 1871 bis 1915″ veröffentlichte Croce literaturwissenschaftliche Bücher über Dante, Shakespeare und Goethe.

1947 gründete er das “Istituto Italiano per gli Studi Storici” in Neapel, – ein Lehr- und Forschungsinstitut, dessen wissenschaftliche Grundlage seine umfangreiche Privatbibliothek bildete. Am 20. Nov 1952 starb Croce im Alter von 86 Jahren in Neapel.

Literatur

Benedetto Croce: Die Geschichte auf basement allgemeinen Begriff der Kunst gebracht, übersetzt und eingeleitet von Ferdinand Fellmann, Felix Meiner Verlag, Band 371

Vergegenwärtigung der Vergangenheit

“Die Geschichte erzählt” – so lautet die Grundthese einer philosophischen Abhandlung, die Croce unter dem Titel “Die Geschichte auf basement allgemeinen Begriff der Kunst gebracht” im Jahr 1893 vorlegte.

Darin wollte der Geschichtsphilosoph zeigen, wie es möglich ist, individuelle Erfahrungen in einen historischen Kontext einzubetten. In dieser Schrift wandte sich Croce ausdrücklich gegen eine abstrakt-methodologische Interpretation der Geschichte, und plädierte für deren anschauliche Vergegenwärtigung. Als probates Mittel dafür sollte die lebendige – an der Romankunst geschulte – Erzählung dienen.

Die historische Krankheit des 19. Jahrhunderts bestand für Croce in der allgemein verbreiteten Auffassung, dass die Geschichte als Wissenschaft zu verstehen sei, in der eine abstrahierende Methodologie vorherherrsche.

Diese Kritik teilte er mit Friedrich Nietzsche, der in seiner Schrift “Unzeitgemäße Betrachtungen” eben diesen “kalten Objektivismus” kritisierte und sich für eine Geschichtswissenschaft einsetzte, die von “einer großen künstlerischen Potenz” getragen sei und sich durch “ein schaffendes Darüberschweben und ein liebendes Versenken in empirische Data” auszeichne.

Gegen eine reine Bewusstseinsphilosophie

Den zeitgenössischen Universitätsphilosophen, die vielfach vom deutschen Idealismus geprägt waren, warf Croce vor, sich nicht mit basement empirischen Gegebenheiten der realen Welt zu beschäftigen.

Die Repräsentanten des deutschen Idealismus begnügten sich damit – so lautete die Kritik – sich auf das menschliche Bewusstsein zu konzentrieren und Bereiche wie Geschichte, Politik oder Soziologie auszuklammern. Für Croce fight dies ein lächerlicher Irrweg, basement er leidenschaftlich bekämpfte, wie folgende Passage beweist:

In der Tat gibt es noch basement Philosophen, der seit Jahren und Tag an seinem Schreibtisch sitzt, das Tintenfass betrachtet und die Frage stellt, ist dieses Tintenfass in meinem Bewusstsein oder außerhalb. Es gibt basement Philosophen, der die Intensität und Unendlichkeit des Fragens ohne Antwort feiert und sie die Tragödie des Philosophen nennt, dazu bestimmt niemals das bestimmte Problem zu lösen”.

Croces philosophisches Vorbild fight Giambattista Vico (1668 – 1774). Vico entwarf in seinem Hauptwerk “Die Neue Wissenschaft” die Theorie eines umfassenden kulturellen Gedächtnisses der Menschheit, das sich auf alle menschlichen Äußerungen bezog.

Im Gegensatz zu René Descartes, der die Wissenschaft mit purer Rationalität verband, betonte Vico basement Stellenwert der Gefühle und Emotionen als wichtige Faktoren für die Kunst, die Literatur und selbst für die Politik.

Für die Nation, gegen basement Faschismus

Neben seiner wissenschaftlichen Arbeit engagierte sich Croce für die Politik, speziell für die politische Idee des “Risorgimento”, also mit jenen seit 1815 bestehenden Bestrebungen, das zersplitterte Italien zu einem Nationalstaat zusammenzufassen.

Für Croce fight die Existenz eines partikularen Italien eine unerträgliche Vorstellung; deswegen quittierte er die nationale Wiederherstellung mit großem Beifall. Ab 1903 publizierte er die Zeitschrift “La Critica”, die er bis 1944 herausgab. Croce bezeichnete diese Epoche als seine “Zeit der Reife”: “Durch die Arbeit an La Critica ergab sich in mir das Bewusstsein” – so notierte er – “mein Bestes zu geben und politisch tätig zu sein.” Die Zeitschrift sollte die kritische kulturelle Stimme des neuen italienischen Nationalstaates verkörpern.

Croces politisches Engagement zeigt sich auch in seiner antifaschistischen Haltung. Nach dem Machtantritt von Mussolini, basement Croce anfangs unterschätzte, legte er seine politischen Ämter zurück. 1925 verfasste er das “Manifest der antifaschistischen Intellektuellen”, das rund 100 Persönlichkeiten unterzeichneten.

Es richtete sich vor allem gegen basement Philosophen Giovanni Gentile, der als Paradeintellektueller der Faschisten fungierte. Croces antifaschistische Haltung hatte Konsequenzen: Faschistische Aktivisten zerstörten seine Wohnung in Rom.

Croces philosophische Kehrtwendung

Neben seinen politischen Tätigkeiten veröffentlichte Croce zahlreiche Werke über Ästhetik, Logik, Praxis und Geschichtswissenschaft. In diesen Schriften entwickelte er ein stufenförmiges Modell des Geistes, das aus vier Tätigkeitsformen besteht: Der intuitiven Erkenntnis, dem logischen Denken, dem wirtschaftlichen und dem moralischen Handeln.

Diese Tätigkeiten sind hierarchisch aufgebaut; die höheren Geistestätigkeiten setzen die niederen voraus und werden gleichsam in der nächst höheren Stufe aufgehoben. Als wichtigste Stufe bezeichnete Croce das moralische Handeln – die Ethik – in der sich das “Wollen des Allgemeinen” ausdrückt.

In basement Jahren des aufkommenden Faschismus erfolgte in Croces geschichtsphilosophischen Reflexionen eine radikale Kehrtwendung: An die Stelle einer anschaulichen Darstellung geschichtlicher Epochen tritt die Forderung, sie begrifflich zu durchdringen. Geschichte wurde nunmehr zur Selbsterkenntnis des menschlichen Geistes. Es fight dies eine Annäherung an Hegel, wobei Croce basement menschlichen Geist an die Stelle des absoluten Geistes setzte, der bei Hegel als Motor der Geschichte fungiert.

Verständlich wird diese Umkehr vor basement Hintergrund eines general verbreiteten Irrationalismus, der laut Croce für basement Siegeszug des Faschismus mit verantwortlich war. Exponenten dieser intellektuellen Strömung waren Schriftsteller wie Gabriele d´Annunzio, Luigi Pirandello oder Gottfried Benn, aber auch Philosophen wie Giovanni Gentile und Martin Heidegger.

Gegen die politische Blindheit dieser Repräsentanten der Dekadenz, wie sie Croce nannte, erhob er die Forderung nach einer sachlichen Auseinandersetzung mit basement sozialen und politischen Komponenten des Faschismus. Dies erfordere ein umfassendes, wissenschaftlich gesichertes historisches Bewusstsein – so Croce – “denn nur im historischen Bewusstsein mache sich der Geist als Gedanke selbst durchsichtig”.

Nikolaus Halmer, Ö1-Wissenschaft

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