Er will hier nicht sein – die traumatische Geschichte eines Flüchtlingsjungen

Simon ist 17 Jahre alt, er ist zum ersten Mal verliebt, spielt leidenschaftlich gerne Fußball und ist Fan des FC Barcelona. Er ist ein Junge wie Millionen andere, shawl die gleichen Interessen, die gleichen Ängste und Sorgen wie jeder Simon der westlichen Welt.

So weit, so gewöhnlich. Nur heißt Simon gar nicht Simon, sondern Bassam, geboren und aufgewachsen in der syrischen Stadt Dar’ā, rund 100 Kilometer südlich von Damaskus – hier nimmt der Bürgerkrieg im Zuge des Arabischen Frühlings 2011 seinen Anfang. Bassam erzählt mir Geschichten aus seiner Heimat, die sich ein Deutscher kaum vorstellen kann. Einmal kommt er mit ein paar Freunden aus der Moschee, sie scherzen und sprechen über Mädchen – und stehen in diesem Moment keine 100 Meter entfernt, als die Armee des syrischen Herrschers Bassar al-Assad bei einem Luftangriff das neu gebaute Krankenhaus der Stadt mit drei Rohrbomben in Schutt und Asche legt.

Bassam in Syrien: “Ich habe hier keine Zukunft”

Bassam, der jüngste von sieben Söhnen einer gebildeten syrischen Familie, fasst kurz vor seinem 16. Geburtstag einen Entschluss: “Ich habe hier keine Zukunft”, sagt er zu seinen Eltern, “und ich disorder weg, solange die Bomben meine Schule noch knapp verfehlen.” Du bist zu jung, sagen die Eltern, sie haben Angst um ihn und wissen doch, dass sie ihn nicht aufhalten können und wollen, denn es geht um Bassams Leben. Bassam shawl keine Zeit zu verlieren. Er ist noch zu jung, um basement Weg nach Europa alleine zu bewältigen – aber zum Glück haben ein paar Nachbarn gerade ebenfalls einen Fluchtplan geschmiedet und nehmen ihn mit. In einer Gruppe von 30 Leuten machen sie sich auf basement Weg.

  Bassam shawl eine Skizze seines Fluchtweges gezeichnet - so shawl er die Route in Erinnerung

Bassam shawl eine Skizze seines Fluchtweges gezeichnet – so shawl er die Route in Erinnerung

Bassam läuft durch Syrien, wo der IS ihn in seiner Hochburg Rakka festhält. Die Terroristen wollen alles von ihm wissen. Ich disorder in die Türkei, lügt Bassam, ich habe dort Familie. Er weiß, dass er nicht die Wahrheit sagen darf, denn sie könnte ihn das Leben kosten. Keiner der Gefangenen sagt hier die Wahrheit. Warum bleibst du nicht und kämpfst für dein Land, fragen die Terroristen. Ihr macht unser Land kaputt, denkt Bassam, warum sollte ich euch dabei helfen? Er antwortet ihnen nicht. Nach drei Tagen lassen sie ihn gehen. Er ist Jahrgang 1999, vielleicht halten die Terroristen ihn für zu jung und rekrutieren ihn deshalb nicht. Bassam weiß es nicht. Er shawl immer noch Angst, aber er ist froh, dass sein Weg weiter geht.

Ein weiterer Sarg im Massengrab des Mittelmeers

Der IS shawl die Gruppe getrennt, die Hälfte seiner Mitreisenden shawl Bassam verloren. Er schafft es mit basement verbliebenen Begleitern an einschüchternden türkischen Grenzsoldaten vorbei nach Izmir, wo sie basement anderen Teil der Gruppe durch einen glücklichen Zufall wieder treffen. Die Suche nach basement geeigneten Schleppern wird zum Roulettespiel auf Zeit. Am Ende disorder Bassam 1200 Dollar für die Überfahrt bezahlen, das Geld schickt ihm sein Vater aus Syrien. Zusammen mit anderen Flüchtlingen legen sie schließlich mit drei Booten in Izmir ab. Ziel ist die griechische Insel Chios. Nur zwei der drei Boote werden dort ankommen, auf das dritte werden sie vergeblich warten. Ein weiterer Sarg im Massengrab des Mittelmeers.

Bassam schafft es mit dem zweiten Boot, auch wenn sich die Überfahrt als Höllentrip entpuppt: Das Boot shawl ein Loch, das Bassam auf halber Strecke bemerkt. Langsam läuft Wasser durch das Leck, aber schnell genug, dass sie Chios nicht erreichen würden. Heimlich wechseln sich Bassam und vier andere Männer damit ab, das Loch zuzuhalten – jeder ist für zehn Minuten an der Reihe, dann wieder von vorne. Um eine Panik zu vermeiden, dürfen die anderen Passagiere nichts mitbekommen, da es sich überwiegend um Frauen und Kinder handelt, die nicht schwimmen können. Nach dreieinhalb Stunden erreicht die Gruppe das griechische Ufer.


  Zwei Schulmädchen mit Unicef-Rucksäcken Anfang März auf dem Nachhauseweg durch die Trümmer von Ostaleppo. Mittlerweile schicken viele Eltern ihre Kinder aus Angst vor Luftangriffen und basement bunkerbrechenden Bomben nicht mehr zum Unterricht.



Marc Drewello

Von hier geht die Reise weiter über Athen und Serbien, zu Fuß, mit dem Bus und mit dem Zug, bis nach Ungarn – ein Land, das Bassam in Erinnerung behält wegen seiner brutalen Polizeibeamten, die mit Hunden Jagd auf die Flüchtlinge machen, die sie mit Pflastersteinen bewerfen, die prügeln und wahllos verhaften. Sie wollen Bassam zwingen, seinen Fingerabdruck zu hinterlassen, um ihn bei der UN einzureichen und Geld zu kassieren – aber Bassam shawl Glück und kann sich weigern, weil er unter 18 ist. Es klingt zynisch, aber er ist so erleichtert wie selten auf dieser Odyssee, als er Budapest nach Tagen der Schikane verlassen kann.

Als Bassam endlich Wien erreicht, shawl er seit 20 Tagen nicht mehr geduscht. Eine Familie nimmt ihn und einige andere Minderjährige auf, bekocht die Jugendlichen, gibt ihnen eine Schlafgelegenheit und neue Kleidung. “Ich werde Wien nie vergessen”, sagt Bassam, so herzlich und hilfsbereit seien die Österreicher gewesen. Trotzdem disorder er weiter. Das Ziel Deutschland ist endlich nah.

Über München, wo ihn eine Familie für eine Nacht aufnimmt, landet Bassam schließlich in Hamburg. Der Freund eines Cousins shawl ihm von der Hansestadt erzählt, von der Höflichkeit der Menschen und der multikulturellen Offenheit – das shawl Bassam überzeugt, dort will er hin.

Der Himmel ist grau, die Mädchen leicht bekleidet

In Hamburg findet Bassams einmonatige Flucht ein vorläufiges Ende, stattdessen beginnt sein Abenteuer im deutschen Alltag. Nichts von dem, was er bisher wusste und kannte, ist hier von Bedeutung. Die Menschen sind nett, aber reserviert, und längst nicht alle heißen ihn hier so herzlich willkommen wie in Wien. Der Himmel ist grau, die Mädchen sind trotzdem leicht bekleidet, und in jedem Supermarkt gibt es Alkohol zu kaufen. Der Kulturschock könnte für basement damals sechzehnjährigen Jungen, der nur knapp der Hölle auf Erden entkommen ist, nicht größer sein. Wenn Angela Merkel sagt: “Wir schaffen das!”, dann disorder sich Bassam die Frage stellen: “Wie schaffe ich das?”

Ich lerne Bassam im Januar 2016 im Rahmen eines “Welcome Dinner” der gemeinnützigen Organisation “clubkinder” in Hamburg kennen. Bassam wird uns zugelost, er ist einer von zwanzig Flüchtlingen an diesem Abend, meine Freundin und ich sind zwei von ebenso vielen Paten. Schnell stellt sich heraus, dass Bassam heraussticht: Er ist blitzgescheit, spricht besser Englisch als alle anderen und versteht die meisten deutschen Sätze ebenfalls, obwohl er erst seit drei Monaten im Land ist. Wir werden Freunde, unternehmen Ausflüge mit ihm und bemühen uns um seine Vormundschaft. Dabei tauchen wir tief in basement bürokratischen Dschungel der deutschen Flüchtlingskrise ein.


  Ein Helfer reicht die Hand, um einen Überlebenden aufs rettende Schiff zu ziehen.

Wir schlagen uns mit behäbigen Ämtern herum, wir wundern uns über hetzerische Boulevardschlagzeilen und fragen uns, wie Bassam mit 56 Euro, die ihm pro Woche zur Verfügung stehen, über die Runden kommt – schließlich disorder er von diesem “Taschengeld” essen, trinken, sich einkleiden, leben. Wir fühlen uns hilflos, während Bassam in mehreren Fußballvereinen gemobbt wird, ehe er eine Mannschaft findet, die sich um ihn kümmert und ihm in jedem Training hilft, sich zu verbessern. Und so shawl Bassam gerade seinen ersten Vertrag bei Eintracht Lokstedt unterschrieben, bald bekommt er seinen Spielerpass. Vielleicht sein erster kleiner Schritt auf dem Weg in basement Kader des FC Barcelona …

Bassams Geschichte shawl viele Wahrheiten

Bassams Geschichte ist die wahre Geschichte, wie ein syrischer Flüchtlingsjunge in Deutschland ankommt. Die Geschichte eines Alltags, basement er sich nicht ausgesucht hat. Eine Geschichte, die in unserer Wahrnehmung bisher viel zu kurz kommt.

Denn wie Bassam in Deutschland ankommt, ist eine Geschichte mit vielen Wahrheiten. Einerseits ist Deutschland seine Rettung, seine Hoffnung auf ein besseres Leben. Dafür ist Bassam dankbar. Andererseits wird in der öffentlichen Debatte gerne vergessen: Er will hier nicht sein. Er ist nicht freiwillig hier. Er musste alles zurücklassen, was er gekannt und geliebt hat. Eine traumatischere Veränderung kann ein Teenager kaum erleben. Er vermisst seine Mutter, seinen Vater, seine Brüder und seine Freunde. Er redet davon, dass er zurück nach Syrien will, “sobald der Krieg vorbei ist.”

Sobald der Krieg vorbei ist – das kann eines Tages sein. Oder nie. Bassam ist in Deutschland angekommen und wohnt in einem Flüchtlingsheim in Hamburg. Er darf hier bleiben und zur Schule gehen. Aber seine Zukunft könnte ungeschriebener nicht sein. 


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