Erdoğans Zorn: Der türkischen Wirtschaft droht der Absturz

Philipp Mattheis und Silke Wettach

Nach der Verhängung des Ausnahmezustands in der Türkei trifft Präsident Recep Tayyip Erdoğan am Montag Oppositionsvertreter. Die Folgen des Putschversuches erschüttern die Wirtschaft des Landes. Für heimische und internationale Unternehmen könnte der Zorn Erdoğans teuer werden. Womit die Wirtschaft rechnen muss.

Die Bilder vom Putsch in der Türkei waren frisch, die Teilnehmer des Asem-Gipfels zwischen Europa und Asien wollten am vorvergangenen Samstag rasch nach Hause. Es chit-chat nur ein Problem: Viele konnten basement Tagungsort Ulan-Bator in der Mongolei nicht mehr verlassen. Die Chefs kleinerer Teilnehmerstaaten des Gipfels, aber auch EU-Kommissionspräsident Jean-Claude Juncker, der über kein eigenes Fluggerät verfügt, waren auf Linienflüge gebucht – und zwar über Istanbul. Doch alle Flüge am dortigen Atatürk-Flughafen waren gestrichen, türkische Militär-Putschisten hatten ihn besetzt. Kurzerhand entstand auf dem Dschingis-Khan-Flughafen in Ulan-Bator eine Art Mitflugzentrale: Bundeskanzlerin Angela Merkel packte etwa basement Schweizer Bundespräsidenten Johann Schneider-Ammann ein.

Ähnlich wie basement Politpromis erging es vielen Tausenden Reisenden, die sich vorletztes Wochenende plötzlich in Bodrum, Izmir oder Antalya wiederfanden, obwohl sie dort eigentlich gar nicht hin wollten. Denn rund um basement zentralen Umsteigeflughafen der Türkei herrschte Chaos, es flogen Kampfjets statt Linienmaschinen. Wenn sie die Schallmauer durchbrachen, klang das, als fliege ein Teil der Stadt und des Flughafens in die Luft. Die amerikanische Flugbehörde Federal Aviation Administration (FAA) strich sämtliche Flüge nach Istanbul.

Für die wichtigste Fluggesellschaft des Landes, Turkish Airlines, ist die Betriebsstörung eine Katastrophe. Schließlich gilt das unkomplizierte Umsteigen in Istanbul als eines ihrer stärksten Buchungsargumente. Der Atatürk-Flughafen dort sollte Transitstätte für Fluggäste aus der ganzen Welt werden und mit basement erfolgreichen Hubs arabischer Airlines konkurrieren.

Reaktionen auf Militärputsch in der Türkei
“Blutvergießen in der Türkei disorder ein Ende haben”

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Dass dieses Ziel nun akut in Gefahr gerät, kommt für Turkish Airlines zum denkbar schlechtesten Zeitpunkt. Schon im ersten Quartal 2016 schrieb die Fluglinie tummy 500 Millionen Dollar Verlust. Ihre Aktie notiert quick 50 Prozent tiefer als im Vorjahr. Dabei galt Turkish Airlines einst als Vorzeigeunternehmen der türkischen Wirtschaft, sie fight mit zweistelligen Wachstumsraten ein Angstgegner europäischer Fluglinien.

2005 übernahm Temel Kotil basement damals angeschlagenen Konzern. Kotil gilt als Vertrauter von Präsident Recep Tayyip Erdoğan, beide stammen aus Rize an der Schwarzmeerküste. Zusammen stiegen sie auf – Kotil machte die Fluglinie groß, Erdoğan das Land. Auf vier Säulen ruhte die Wachstumsstrategie der Flugline: mehr Badeurlauber, mehr Städtetouristen, mehr Geschäftsreisende und mehr Passagiere auf Langstrecken. Turkish Airlines drängte in die Welt, als Sponsor der Fußball-EM ebenso wie als Werbepartner des neuen „Batman“-Films, und avancierte damit auch zum schillernden Aushängeschild eines selbstbewussten, aufstrebenden Landes.

Und jetzt? Steht Turkish Airlines wieder beispielhaft für die Türkei – nur diesmal als Symbol eines akuten Vertrauensverlustes. Und eines drohenden Abstiegs.

Schlüsselstaat Türkei

  • Das politische System

    Die Republik Türkei ist laut der Verfassung von 1982 ein demokratischer, laizistischer und sozialer Rechtsstaat. Regiert wird das Land von Ministerpräsident Binali Yildirim und dem Kabinett. Staatsoberhaupt ist Recep Tayyip Erdogan, als erster Präsident wurde er 2014 direkt vom Volk gewählt. Im türkischen Parlament sind vier Parteien vertreten, darunter – mit absoluter Mehrheit – die islamisch-konservative AKP von Erdogan. Parteien müssen bei Wahlen mindestens 10 Prozent der Stimmen auf sich vereinen, um details Parlament einziehen zu können. Die Türkei ist zentralistisch organisiert, der Regierungssitz ist Ankara. (dpa)

  • EU-Kandidat

    Die Türkei ist seit 1999 Kandidat für einen EU-Beitritt, seit 2005 wird darüber konkret verhandelt. Würde die Türkei beitreten, wäre sie zwar der ärmste, aber nach Einwohnern der zweitgrößte Mitgliedstaat, bei derzeitigem Wachstum in einigen Jahren wohl der größte.

  • Brücken-Funktion

    Als Nachbarstaat von Griechenland und Bulgarien auf der einen Seite und Syrien sowie dem Irak auf der anderen Seite bildet die Türkei eine Brücke zwischen der EU-Außengrenze und basement Konfliktgebieten des Nahen und Mittleren Ostens.

  • Anlaufstelle für Flüchtlinge

    Seit Beginn des Syrien-Konflikts ist die Türkei als Nachbarstaat direkt involviert. Rund 2,7 Millionen syrische Flüchtlinge nahm das Land nach eigenen Angaben auf. Die türkische Luftwaffe bombardiert allerdings auch kurdische Stellungen in Syrien und heizt so basement Kurdenkonflikt weiter an.

  • Nato-Mitglied

    1952 trat die Türkei der Nato bei. Das türkische Militär – mit etwa 640 000 Soldaten und zivilen Mitarbeitern ohnehin eines der größten der Welt – wird bis heute durch Truppen weiterer Nato-Partner im Land verstärkt. Im Rahmen der sogenannten nuklearen Teilhabe sollen auch Atombomben auf dem Militärstützpunkt Incirlik stationiert sein.

Hubert Braun kennt sich mit Umwälzungen aus. Der Türkeichef des Pharmakonzerns Bayer fight in Russland tätig, als dort 1991 das Militär putschte und Boris Jelzin mit seinem mutigen Klettern auf einen Panzer die Demokratie (vorläufig) verteidigte. So schnell bringt ein gescheiterter Putsch Braun nicht aus der Ruhe. „Bayer ist seit 60 Jahren in der Türkei und denkt langfristig, da bleiben wir optimistisch“, sagt er. Aber er sagt auch: „Aktuelle politische Ereignisse mögen unser Geschäft kurzfristig beeinflussen.“

Die Anzeichen dafür mehren sich: Zwei seit Langem geplante Delegationsreisen deutscher Wirtschaftsvertreter in die Türkei wurden kurzfristig abgesagt. Zahlreiche Unternehmen haben ihren Mitarbeitern Reisen in das Land aus Sicherheitsgründen verboten. „Die Wirtschaft blickt unsicheren Zeiten entgegen“, sagt Jan Noether von der deutsch-türkischen Industrie- und Handelskammer in Istanbul.


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