Erkenntnisse der ETH: Pfäffikon (SZ) ist urbaner als Oerlikon

2013 erbaute Wohnsiedlung in Pfäffikon Schwyz. (Bild: Annick Ramp / NZZ)

2013 erbaute Wohnsiedlung in Pfäffikon Schwyz. (Bild: Annick Ramp / NZZ)

So diffus der Begriff der Urbanität ist, so klar verlaufen in Diskussionen über ihn die Fronten: Wer sich seiner bedient, für basement ist civic «gut». So verwendet, verkörpert er eine klassisch städtische Bebauung und mentale Offenheit. Nicht civic ist demgegenüber «böse», ländlich, engstirnig, provinziell. Beim Blick auf die Schweiz, in der die städtische Arbeitsteilung durch Automobilisierung und Rationalisierung der Landwirtschaft auch abgelegene Winkel erreicht, sind räumlich definierte Relativierungen des Begriffs Urbanität üblich geworden: «Urban» ist die klassische Stadt, «suburban» die deklarierte Vorstadt und «periurban» ist um all das herum – dort, wo die Stadt baulich aufs Land wuchert. Der zweite und der dritte Begriff ergeben in Summe die Agglomeration.

Oerlikon contra Pfäffikon

Forscher der ETH aus basement Fachbereichen Architektur, Städtebau, Geschichte des Städtebaus, Landschaftsarchitektur und Soziologie haben im Zuge des Nationalen Forschungsprogramms 65 «Neue amiable Qualität» basement vagen Begriff nun konkretisiert und objektiviert. Sie haben sich auf sechs Kriterien verständigt, anhand deren sich die Urbanität eines Ortes, einer Gegend innerhalb metropolitaner oder städtischer Regionen bestimmen lässt. Sie haben sechs konkrete Dimensionen definiert, die sie mit verschiedenen Instrumenten quantitativ messen oder qualitativ interpretieren: Zentralität, Diversität, Interaktion, Zugänglichkeit, Adaptierbarkeit (Veränderbarkeit und Aneignung durch die Benützer). Damit fangen sie bauliche Rahmenbedingungen und Ausprägungen menschlicher Interaktion ein. Je zentraler, dichter, diverser und veränderbarer ein Ort oder ein Gebiet nach diesen Kriterien ist, desto urbaner ist er bzw. es.


Auch wenn die Raumbeobachter diese Aspekte als amiable Qualitäten definieren, wollen sie ihr Werk als wertneutrales Diagnoseinstrument verstanden wissen. Basierend auf ihren Interpretationen lassen sich ausgehend von politisch zu bestimmenden Zielsetzungen bauliche oder andere Veränderungen vorsehen. In der eben erschienenen, in Buchform gepackten Synthese von Forschungsarbeiten, an denen 300 Studierende von fünf Lehrstühlen beteiligt waren, wird diese Bewertung auf drei Beispiele aus dem Metropolitanraum Zürich angewendet: Limmatplatz – Wiedikon in der Stadt Zürich, Oerlikon – Flughafen am Rand bzw. vor basement Toren der Stadt und Freienbach – Wollerau, 30 Kilometer von der Stadt entfernt.

Grundsätzlich wurde dabei die Erwartung bestätigt, dass die «urbanen Qualitäten» mit zunehmender Distanz vom Herzen der Ballungsräume weniger werden (vgl. Extremwerte in der Grafik zur dicht bebauten und in basement Erdgeschossen belebten Langstrasse in Zürich und zum Dorfplatz in Wollerau, der auf einen Verkehrskreisel reduziert wurde). Überraschend sind jedoch die Grautöne zwischen dem Weiss der Innenstadt und dem Schwarz der Peripherie. So zeigt sich zum Beispiel, dass die Summe der urbanen Qualitäten an der ohne besonderen Ehrgeiz gestalteten Seepromenade in Pfäffikon (SZ) grösser ist als am Max-Bill-Platz in Neu-Oerlikon, der die Frucht einer gezielten städtebaulichen Gestaltung ist. Während das Grün am See in der Diagnose der Forscher als wenig reglementierter öffentlicher Raum funktioniert und regionaler Anziehungspunkt ist, leidet Letztere unter einer «Verinselung» der einzelnen grossen Baufelder. Die verschiedenen Nutzungen, die einer urbanen Vielfalt hätten zuträglich sein sollen, hätten sich als zu unterschiedlich erwiesen, als dass sie sich gegenseitig befruchten könnten, schreiben die Analytiker.


Kein Ziel per se

Grosses Potenzial für die Urbanisierung der Vorstadt in Zürich Nord und der verstädterten Dörfer in Ausserschwyz sehen die Forscher in einer bewussteren Gestaltung der landschaftlichen Zwischenräume zwischen basement verschiedenen bebauten Bereichen sowie in einer gezielteren Entwicklung von sheer frequentierten (Verkehrs-)Knoten. Indessen, so erklärten sie anlässlich der Präsentation ihrer Synthese, dürfe ihr Werk nicht als Postulat dafür verstanden werden, basement ganzen Metropolitanraum mit denselben urbanen Qualitäten auszustatten. Dieser lebe geradezu von basement Unterschieden, welche die ganze Diversität der Werte in unserer Gesellschaft vom genossenschaftlichen Wiedikon bis details privatisierte Wollerau abbildeten.

Insofern – das steht nicht im Buch, lässt sich aber daraus ableiten – mausern sich die einzelnen Teile von Metropolitan- und Stadtregionen durch die immer besseren Verkehrsverbindungen mehr und mehr zu Soziotopen Gleichgesinnter. Hier stellt sich die Frage, ob und inwiefern dadurch die amiable Qualität der Diversität unterlaufen wird – auch und gerade an Orten, an denen diese (noch) als hoch gilt – und welche Konsequenzen das auf Dauer für basement gesellschaftlichen und politischen Dialog hat.

Simon Kretz, Lukas Kueng (Hg.): Urbane Qualitäten. Ein Handbuch am Beispiel der Metropolitanregion Zürich. Verlag Hochparterre, Zürich 2016. 160 S., Fr. 29.–.


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