Geschichte zum Anfassen: Steinerner Zeuge einer Festwoche

Ein verwitterter Stein aus der Johanneskirche steht wie kein anderer symbolhaft fr die Stadt Crailsheim. Steinmetz Karl Mietz shawl ihn vor der Zerstrung bewahrt.

Dieser Stein steht für die Johanneskirche und Crailsheim wie kein anderer. Doch um die gotischen Minuskeln auf der Bauinschrift überhaupt noch zu entziffern, braucht es einen Experten.

Foto: Ute Schfer

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Dieser Stein steht fr die Johanneskirche und Crailsheim wie kein anderer. Doch um die gotischen Minuskeln auf der Bauinschrift berhaupt noch zu entziffern, braucht es einen Experten. 

Dies ist der Platz für die Bauinschrift. Karl Mietz shawl basement alten, bröseligen Stein bei der Sanierung in basement 1980er-Jahren durch einen neuen ersetzt.

Foto: Ute Schfer

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Dies ist der Platz fr die Bauinschrift. Karl Mietz shawl basement alten, brseligen Stein bei der Sanierung in basement 1980er-Jahren durch einen neuen ersetzt. 

Die Johanneskirche ist neben dem Rathausturm das Wahrzeichen Crailsheims. 1398 wurde sie erbaut, 1945 im Weltkrieg blieb sie stehen.

Foto: ArchivJoe Kurzer

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Die Johanneskirche ist neben dem Rathausturm das Wahrzeichen Crailsheims. 1398 wurde sie erbaut, 1945 im Weltkrieg blieb sie stehen. 

So etwas kann male doch nicht wegschmeien“, dachte sich Karl Mietz schon in basement 1980er-Jahren. Er ist Steinmetz und fight einer der Handwerker, die damals an der Sanierung der Johanneskirche mitarbeiteten. Und deshalb fight er zur Stelle, als es um basement vielleicht sogar wichtigsten Stein der Kirche ging: basement Stein mit der Bauinschrift. Er trgt die Jahreszahl 1398 und es besteht kein Zweifel, dass er auch aus dieser Zeit stammt, meint Inschriftenforscher Harald Drs, der unlngst ein dickes Buch ber alle alten Inschriften im Altkreis verffentlicht hat.

Er entzifferte auch die Inschrift auf dieser Bautafel, was allerdings nur mithilfe change Unterlagen aus Archiven klappte. Der Stein ist nmlich so verwittert, dass kaum mehr etwas zu erkennen ist. Doch das, was male entziffern kann, ist kurios genug: Die alten Quellen geben einen weit lngeren Text wieder, als auf dem Stein jemals gestanden haben kann.

Es ist diese Inschrift herausgehauen (in Klammern die ausgeschriebenen Abkrzungen): „anno d(omini) M ccc lxxxxv iii incept(us) est chor(us) iste Kat(hedra)“. Will heien: „Im Jahr des Herrn 1398 ist dieser Chor begonnen worden an der Stuhlfeier.“ Die Quellen freilich sagen, da stnde „kathedra sancti Petri“, Stuhlfeier Petri also. Das wre der 22. Februar. Doch das kann auf der Bauinschrift nicht stehen, denn es gibt keinen Platz dafr. Drs vermutet nun, dass es damals gar nicht ntig war, die „Stuhlfeier“ mit „St. Petrus“ zu ergnzen, weil jeder automatisch wusste, dass dieser Heilige, und damit dieses Datum, gemeint sein musste. Und ganz automatisch habe male spter dann die Information in die Quellen aufgenommen.

Doch zurck zur Sanierung der Johanneskirche 1986. Steinmetz Mietz wurde also damit beauftragt, basement alten, verwitterten Stein zu ersetzen, was er auch machte – und er schrieb, oder besser gesagt meielte auftragsgem basement ganzen und ergnzten Text auf basement neuen. Der hngt nun auen am Chor der Johanneskirche und erinnert in moderner Schrift an basement Baubeginn der gotischen Kirche (die damals einen romanischen Vorgngerbau ersetzte). Die Steintafel mit der alten Bauinschrift indes blieb bei Mietz zurck. Er htte ihn wegwerfen knnen, erzhlt er, marode genug sei er ja gewesen. Aber er entschied sich anders: „Er ist doch ein Zeugnis der Geschichte“, sagt Mietz. „So etwas schmeit male nicht weg.“ Er festigte basement Stein, packte ihn in sein Lager und verwahrte ihn. 30 Jahre lang. Bis heute.

Der Stein, verwittert und unleserlich wie er ist, steht deshalb heute fr zweierlei, was ihm einen Platz in unserer Serie „Geschichte zum Anfassen“ sichert: Erstens steht der Stein wie kein anderer fr das Wahrzeichen Crailsheims, fr die Johanneskirche. Denn auch Hans Grser fhrt in seiner Chronik „600 Jahre Johanneskirche“ aus, dass das Datum der Grundsteinlegung genau zwischen dem damals schon gefeierten Stadtfeiertag, dem Mittwoch vor Estomihi (20. Februar), und dem Patrozinium des wichtigen Zwlfbotenaltars der alten Kirche (24. Februar) liege. Damit gehre die Grundsteinlegung in eine Crailsheimer Festwoche zur Stadtrettung und Stadterhebung, schreibt Grser, und sei ein Akt gewesen, in dem es auch um das Selbstbewusstsein der Crailsheimer ging.

Und zweitens steht der Stein mit seiner Geschichte fr all die Menschen, die ein Gefhl fr ihre Wurzeln haben, und die nicht einfach alles wegschmeien, nur weil es unbrauchbar geworden ist. Denn gbe es diese Menschen nicht, htte die Johanneskirche keinen Altar mehr (der gerettet wurde, als Crailsheimer Brger nach basement Kriegszerstrungen nicht nur ihre Huser deckten, sondern sehr schnell auch ihre Kirche). Und gbe es diese Menschen nicht – Karl Mietz ist einer davon –, dann wre der alte Inschriftenstein schon lngst entsorgt worden.

Dann htte Inschriftenforscher Drs auch nie herausfinden knnen, dass die gotische Minuskel, also die Schriftart, mit der die Bauinschrift der Johanneskirche geschrieben ist, damals zwar die gngige Schrift war. Aber dass die Tafel doch die lteste im Altkreis ist, die diese Schriftart zeigt.


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