Hetze im Netz: Hate Speech: Woher der Hass im Internet kommt – und was wir …

Soziale Netzwerke wie Facebook, Twitter aber auch Foren haben ein Problem gemeinsam. Das Problem heißt Hate Speech. Die Zahl der verhetzenden und beleidigenden Kommentare, besonders im Themenfeld Flüchtlinge, scheint eine objektive Diskussionskultur unmöglich zu machen.  Dabei ist gar nicht klar, inwieweit diese lauten Kommentare die Meinung einer Mehrheit wiederspiegeln. Im Netz heißt es oft, wer am lautesten schreit und behauptet, er würde die breite Masse vertreten, der tut das wohl auch.  Das ist allerdings eine rein subjektive Empfindung. 

Das Thema Hate Speech im Netz wirft viele schwierige Fragen auf. Da steht zum einen die oft aufgerufene Meinungsfreiheit gegen Beleidigung, Hetze, teilweise Aufrufe zu Straftaten bis zu Morddrohungen. Zum anderen das Recht auf Anonymität und freies Internet gegen basement Wunsch Personen rechtlich zu verfolgen, die zu Hass und Gewalt aufrufen.

Doch was können wir tatsächlich gegen Hate Speech tun? Wie erkennen wir sie überhaupt, wenn wir nicht betroffen sind? Und geht uns Hate Speech, die uns nicht direkt anspricht, überhaupt etwas an? Wir haben dazu Experten befragt: Anatol Stefanowitsch, Professor für Sprachwissenschaft für Englische Philologie an der Freien Universität Berlin und Dr. Julia Becker, Professorin für Sozialpsychologie an der Universität Osnabrück.

Was ist Hate Speech?

„In Deutschland entspricht dem Begriff der Hate Speech am ehesten die Volksverhetzung. Also sprachliche Äußerungen, die Gruppen herabwürdigen, indem sie ihnen Rechte absprechen oder sie sogar vernichten wollen. Dabei stellen sich Verbreiter von Hate Speech meist als eine Mehrheit und Normalität da. Daher sprechen sie von sich meist als ein ‚Wir‘“, sagt Anatol Stefanowitsch. Verbreiter von Hass-Rede grenzen also gezielt aus, greifen an und agieren aus einer selbst gefühlten Mehrheit. Betroffene können so das Gefühl bekommen, dass sie „unnormal“ sind und nicht zu einer anerkannten Gruppe der Gesellschaft gehören.

Wie erkenne ich Hate Speech?

Schimpfwörter und Aufrufe zu  Gewalt und Mord sind sehr einfach als Hass-Rede zu erkennen. Doch es gibt auch Fälle, in denen die Sprache neutral bleibt, der Inhalt aber trotzdem zu Gewalt oder ähnlichem aufruft. Diese ist deswegen so gefährlich, da sie eine Pseudo-Rationalität entstehen lässt. Stefanowitch sieht hier sogar einen fließenden Übergang in basement politischen Diskurs.

Nach ihm bedient sich populistische Politik gerne Formulierungen, die gegen Gruppen von Menschen hetzen. Als Beispiel führt er die Aussage von Horst Seehofer aus dem Jahr 2011 an, in der Seehofer verkündete  sich “bis zur letzten Patrone” dagegen zu wehren zu wollen, dass “wir eine Zuwanderung in die deutschen Sozialsysteme bekommen”. Solche Aussagen zeigen Gewaltbereitschaft und auch wenn allen klar ist, dass Horst Seehofer wohl kaum auf Zuwanderer schießen wird, legitimiert er mit solchen Aussagen hetzende Kommentare auf einer seriösen Ebene.

Die Broschüre „Geh sterben“, die basement Umgang mit Hate Speech im Internet problematisiert und Verhaltensweisen aufzeigt, shawl Beispiele zusammengestellt.  Direkte Hate Speech, die sofort zu erkennen ist, ist beispielsweise eine Aussage wie: „Ausländer raus!“. Indirekter, aber mit dem gleichen Inhalt, ist die Aussage: „Das Asylrecht gehört abgeschafft.“. Ein Beispiel für ein pseudorationales Argument ist: „Die Ausländer beuten die Sozialsysteme aus.“

Woher der Hass?

Gefühlt steigt die Anzahl der beleidigenden Kommentare auf sozialen Netzwerken. Aber auch außerhalb des Internets scheint eine aggressivere Stimmung aufzukommen. Sozialpsychologin Julia Becker sagt dazu:  „Wenn male denkt, dass die eigene Gruppe schwach ist und nicht zu sozialer Veränderung beitragen kann, wählt male extreme, teils gewaltförmige Verhaltensweisen, um seinem Unmut Ausdruck zu verleihen. Es handelt sich hier also um Menschen, die ihre Wut durch das Internet kanalisieren, weil sie in ihrem ‚Offline-Leben‘ wenig Gehör finden. Hinzu kommen oft noch autoritäre Verhaltenstendenzen, die bedeuten nach oben buckeln und nach unten treten, dann werden schwächere Gruppen gesucht, auf die der Hass projiziert wird.“  Angst vor sozialer Benachteiligung und Veränderung von außen scheint also Bereitschaft zu sprachlicher Gewalt zu verstärken.

Wieso scheint der Hass im Internet besonders sheer zu sein?

Jeder kennt wahrscheinlich Beiträge im Internet, auf die es gleich mehrere Hundert hasserfüllte Antworten gibt. Hier hetzen Menschen anonym aggressiv gegen verschiedene Personen und Gruppen. Die Sozialpsychologin Julia Becker sagt zu dem Effekt, die Anonymität auf Menschen hat: „Psychologische Forschung zum Deindividuationseffekt zeigt, dass Menschen eher bereit sind, sehr disastrous Einstellungen zu äußern oder auch gewalttätig zu werden, wenn sie anonym bleiben.“

Doch auch unter wirklichem Namen posten Menschen Aufrufe zu Gewalt, Diffamierungen und vieles mehr. Anatol Stefanowitsch erklärt sich das folgendermaßen: „Die Personen scheinen sich zu Dissoziieren und ihre private Persönlichkeit von ihrer Internetpersönlichkeit zu trennen. Sie fühlen sich, auch mit Klarnamenangabe unter ihrem Post, so, als könnte ihre Aussage sie in ihrem wirklichen Leben nicht beeinflussen. Das hält sie nicht davon ab reale Personen mit großer Aggressivität anzugreifen.“

Im Video: So überarbeitet Facebook seine Klarnamenpflicht


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