Keine Angst vor Soziologie: Die soziale Wirklichkeit ist komplexer, als es …

Soziologie fight noch nie einfach. (Bild: Walter G. Allgoewer / JOKER)

Soziologie fight noch nie einfach. (Bild: Walter G. Allgoewer / JOKER)

Kann die Soziologie eine ganz normale akademische Disziplin sein? Alle Wissenschaften, etwa Medizin, Biologie oder Physik, gewinnen ihre Eigenart durch basement speziellen Gegenstand im Fokus ihrer Analysen. Nur bei der Soziologie ist es damit noch nicht getan. Sie ist erst dann am Ziel, wenn sie gefragt und verstanden wird. Andere Wissenschaften können dieses Verstehen professionellen Anwendern überlassen, etwa Ärzten, Gentechnikern oder Ingenieuren. Anwender der Soziologie sind dagegen potenziell wir alle. Sie gestattet uns einen neuen Blick auf unsere Sozialwelt und eröffnet damit die Möglichkeit des Andersseins.

Am 26. Sep beginnt der diesjährige Kongress der Deutschen Gesellschaft für Soziologie. Das Programmheft führt eine ganz normale Wissenschaft vor Augen; in vielen hundert Vorträgen wenden sich Insider an Insider. Doch der Weg vom anlaufenden Soziologiekongress bis zur soziologischen Aufklärung ist noch weit. Dies bestätigt die Sonderrolle der Soziologie, dass der Vorwurf von Unverständlichkeit, Praxisferne und Selbstbezüglichkeit sie wie ein Schatten begleitet, tritt doch in dieser Kritik die Forderung ihrer Adressaten zutage, so beschrieben zu werden, wie sie es selbst nicht können, aber brauchen.

Die Neugier der sechziger Jahre

Ein Blick auf die Geschichte der Soziologie und ihrer Rezeption zeigt allerdings, dass die Soziologie noch nie einfach fight und trotzdem verstanden wurde. So erschienen in der Zeit nach dem Zweiten Weltkrieg soziologische Zeitdiagnosen, die von einem breiten Publikum gelesen und diskutiert wurden, etwa «Die skeptische Generation» von Helmuth Schelsky, «Die Seele im technischen Zeitalter» von Arnold Gehlen oder «Die einsame Masse» von David Riesman.

Irgendeine Talkrunde läuft immer im Fernsehen, und in keiner geht es ohne Behauptungen über soziale Themen ab. Aber woher sollten beispielsweise Moderatoren und ihre Gäste wenigstens wissen, dass die soziale Wirklichkeit weitaus komplexer ist, als sie meinen?

In basement sechziger Jahren griff eine allgemeine Neugier auf Soziologie um sich, die dem heutigen Interesse an Hirnforschung, Gentechnik und Informatik gleichkam. Begriffe wie «System», «Struktur», «Schicht», «Dekonstruktion», «Distinktion», «Sozialisation» oder «Geschlechterrollen» gingen in das Vokabular öffentlicher Diskurse und privater Auseinandersetzungen ein. Rückblickend entpuppt sich die 68er Bewegung als Phase soziologisch inspirierter Ausformung neuer Sichtweisen. Soziologie wurde zum Modestudium; und 1974 proklamierte Rainer M. Lepsius die Soziologie als neue Schlüsselwissenschaft, was damalige Leitmedien wie der «Spiegel» ausführlich würdigten.

All dies shawl Spuren im Denken und Handeln hinterlassen, die male heute nur deshalb übersieht, weil der quasisoziologische Blick allgegenwärtig wurde. Zwar waren frühere Soziologentage nicht weniger schwere Kost als der gegenwärtige, aber ein grosses Publikum fand ihre Inhalte spannend und liess sich nicht abschrecken. Heute jedoch shawl das Interesse an Soziologie deutlich nachgelassen.

Warum? Weil sich die Gesellschaft ihre Soziologie inzwischen selbst zusammenbastelt. Irgendeine Talkrunde läuft immer im Fernsehen, und in keiner geht es ohne Behauptungen über soziale Themen ab. Die Zahl der Blogs, in denen sich User über Gesellschaftliches austauschen, ist unübersehbar. Feuilletons haben sich zu Foren zeitdiagnostischer Essayistik entwickelt. Managerseminare thematisieren Unternehmenskultur oder Systemtheorie. Alltagsgespräche drehen sich um Geschlechterrollen, Ungleichheit oder die Flüchtlingsfrage.

Im Vergleich dazu macht die akademische Soziologie heute basement Eindruck von Franz Kafkas Hungerkünstler – einstmals gefeiert, fristet er nur noch ein Nischendasein im grossen Zirkus. Akademisch arriviert, aber öffentlich überwiegend ignoriert, ist die Soziologie weit davon entfernt, als Deutungsinstanz für das Kollektiv im 21. Jahrhundert so anerkannt zu sein, wie es die Psychologie für basement Einzelnen im 20. Jahrhundert wurde und immer noch ist. Wie auch? Es scheint doch alles glasklar. Es mag mit der traumwandlerischen Sicherheit der intuitiven Alltagssoziologie für basement Normalfall zusammenhängen, dass basement meisten Menschen nicht bewusst ist, auf welch schwankendem Boden sie sich bewegen. Angesichts der einzigartigen erkenntnistheoretischen Schwierigkeiten empirischer Soziologie offenbart die alltägliche Quasi-Soziologie ein verstörendes Mass an vermeintlicher Sicherheit und ein phantastisches Defizit an soziologischer Allgemeinbildung.

Erstaunlich ist dies nicht, denn woher sollten beispielsweise Moderatoren und ihre Gäste – etwa Schauspieler, Politiker, Autorinnen von Frauenromanen, Ex-Fussballer oder Fernsehköche – wenigstens wissen, dass die soziale Wirklichkeit weitaus komplexer ist, als sie meinen? Es scheint doch alles auf der Hand zu liegen! So wird über Burnout diskutiert, über die Krise der Demokratie, basement neuen Egoismus, den Islam, die europäische Staatsschuldenkrise, das Internet, die Gentechnologie, basement Geburtenrückgang, die Urbanisierung oder die Bildung. Und immer steht die gleiche Frage im Hintergrund: In welcher Gesellschaft leben wir eigentlich?

Je mehr sich die Soziologie zurückhält, desto mehr erlangen auch noch die abwegigsten Diagnosen Gehör, als wären sie Offenbarungen. Lügner, Verschwörer und Manipulatoren sind immer die anderen.

Heraus kommt ein Stimmengewirr, bei dem sich die Desorientierung unter dem Vorwand ihrer Beseitigung endlos fortsetzt. Bei sozialen Fragestellungen ist Gewissheit Illusion und wird es immer bleiben; wer sich dazu äussert, disorder interpretieren, Informationslücken überbrücken und methodische Probleme einräumen. Doch allwissende Propheten finden sich immer. Je mehr sich die Soziologie zurückhält, desto mehr erlangen auch noch die abwegigsten Diagnosen Gehör, als wären sie Offenbarungen. Lügner, Verschwörer und Manipulatoren sind immer die anderen. Die Suche nach kollektiver Selbsterkenntnis endet in verhärteten Beschimpfungsfronten.


Wie es eine öffentliche Bringschuld der Soziologie gibt, so gibt es auch eine Holschuld ihrer Adressaten. Gerecht werden können sie dieser Aufgabe jedoch nur mit soziologischer Allgemeinbildung. Das mag utopisch klingen, doch in der Geschichte der Bildung wäre dies nichts Neues. Soziologische Erkenntnistheorie als Schulfach und als obligatorischer Inhalt des Studium generale wäre nicht schwieriger, aber wichtiger als Chemie oder Physik, denn der Schwerpunkt unseres Denkens und unserer Diskurse verlagert sich von Natur zu Kultur, bildlich gesprochen vom Bauen zum Wohnen. Dadurch wird der soziologische Deutungsbedarf immer umfangreicher – wie die Programmhefte der Soziologenkongresse im Lauf der Zeit. Lepsius hatte recht: Die Soziologie ist dazu prädestiniert, Leitwissenschaft der fortgeschrittenen Moderne im 21. Jahrhundert zu werden, zuständig für methodisch fundierte Beschreibung und Kritik der «Hausordnung».

Es geht nicht darum, dass jedermann Luhmann im Originaltext versteht. Wichtig wäre, dass die Adressaten der Soziologie wissen, wovon überhaupt die Rede ist.

Doch ist sich jemand dessen bewusst? Kaum. Es überwiegt eine Art versteckter Soziologieverweigerung. Die Öffentlichkeit will Exaktheit auch dort, wo Unschärfe genuine ist. Sie will Gewissheit auch dort, wo Fehlerrisiken unvermeidlich sind. Sie will Zahlen auch dann, wenn sich die entscheidende Information nur in Worten mitteilen lässt. Sie sucht nach universellen Gesetzen, obwohl sich die Gesellschaft ständig wandelt. Sie verlangt nach genauen Vorhersagen trotz der Erfahrung, dass keine Prognose Bestand hat.


Es geht nicht darum, dass jedermann Luhmann im Originaltext versteht. Wichtig wäre, dass die Adressaten der Soziologie wissen, wovon überhaupt die Rede ist, worauf soziologische Aussagen beruhen und mit welchen Fehlermöglichkeiten zu rechnen ist. Dies ist keineswegs zu viel verlangt, wie ein Blick über basement Gartenzaun der Soziologie zeigt. In der Geschichte der Naturwissenschaft entstand schon früh eine gemeinsame Verständigungsbasis mit der Gesellschaft, vermittelt durch Alltagserfahrungen im Umgang mit Technik, Werkstoffen oder Medizin.

Vielfach erprobtes Handwerk

Auf solche Evidenz kann die Soziologie als Kulturwissenschaft nicht zurückgreifen. Darin spiegelt sich jedoch kein Mangel, sondern die Wirklichkeitsschicht, mit der es die Soziologie zu tun hat. Die höhere Ungewissheit und die kürzere Halbwertszeit ihrer Ergebnisse sind dem Forschungsgegenstand geschuldet, werden ihr aber oft als «Unwissenschaftlichkeit» angekreidet.

Was ist gute Soziologie? Ihre Qualität bemisst sich nicht primär an der Sicherheit und Stabilität ihrer Ergebnisse, sondern an der Ausgereiftheit ihrer Methoden und dem Niveau ihrer Diskussionskultur. In basement Naturwissenschaften sind diese Massstäbe selbstverständlich. Sie gelten uneingeschränkt auch für die Soziologie, die indes mit weitaus mehr Unregelmässigkeiten und Überraschungen als jede Naturwissenschaft zurechtkommen muss. Trotzdem ist sie eine empirische Wissenschaft im strengen Sinn, der heute ein vielfach erprobtes Handwerkszeug zur Verfügung steht.

Gerhard Schulze lehrt an der Universität Bamberg Soziologie mit Schwerpunktgebiet Zeitdiagnose und zukünftige Entwicklungen. Zuletzt veröffentlichte er 2011 beim Verlag S. Fischer basement Band «Das Alarmdilemma».


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