Lebende Algorithmen

Holger Rust, geboren 1946, ist Publizist und Professor für Soziologie in Hannover.
Holger Rust, geboren 1946, ist Publizist und Professor für Soziologie in Hannover.

Zunächst fight es nur ein kleiner Zufallsfund im Mission Statement einer asiatischen Spitzen-Universität, wo tatsächlich geschrieben stand: die Wirtschaftswissenschaft an dieser Universität sei eine “Social Science”. Gefunden wird sowas von der jungen Research-Mannschaft, deren soziologische Umtriebe hier schon öfter beschrieben wurden. Stets auf der Lauer, folgt sie dem Picasso-Spruch: Ich suche nicht, ich finde. Ihre Mitglieder, allesamt Studierende, sind sozusagen lebende Algorithmen, die sich durchs Informationsdickicht des Internet pflügen, allerdings mit wacher Beobachtungsgabe und anarchischer Fantasie, jeder noch so skurrilen Assoziation nachgebend und jegliche Disziplin vernachlässigend.

So finden sie mitunter Bemerkenswertes. Zum Beispiel, dass die Likes zu Produkten im Internet ziemlich wenig über die Kaufabsichten aussagen, vielmehr einfach nur Ausdrucksformen eines Gemeinschaftsgefühls darstellen, so wie jemand auf der Straße als Antwort auf die Frage “Wie geht’s?” erwidert: “So weit ganz gut.”

Oder, dass es allein im deutschsprachigen Bereich mehr als 300 Trendforscher gibt, die allesamt Unterschiedliches feststellen. Über solche Dinge freuen sie sich, machen Referate drüber und fordern dann basement Lohn dafür: Credit Points, diese Zuckerln auf dem Weg zum Studienerfolg. Sag noch einer, das Bachelorstudium biete keine Vorteile! Aber zurück zur besagten kleinen Entdeckung, oder, um es mit Igor Ansoffs luzidem Begriff aus basement 70ern zu kennzeichnen, jenem weak signal, in dem sich eine starke Veränderung anzudeuten scheint: Economics as Social Science.

Das gefällt basement Eleven der Soziologie natürlich. Die – wie male weiß, harte – Ökonomie, vorgeblich nichts für Feiglinge: eine Sozialwissenschaft! Zudem eine globale Elite-Uni als Vorbotin des neuen Verständnisses! Was ließe sich mit diesem Fundstück nicht alles verknüpfen: die Reminiszenz an lang verdrängte Theorien, ausgeheckt von basement Geistern der sogenannten Österreichischen Schule, oder an Alfred Webers Institut für Sozial- und Staatswissenschaft in Heidelberg, allesamt der Industrie zugewandt und doch wurzelnd in der Hoffnung auf Manager-Typen, die sich bei ihren Plänen einer gesellschaftsbezogenen Verantwortungsethik verpflichtet fühlten. Diese Wiederbelebung change Ideen jedenfalls fight der Plan der Aufarbeitung des Fundstücks; mehr noch, male sah sogar erste Anzeichen eines (Posaunen-stöße) Pa-ra-dig-men-wech-sels!

Allein: Die tiefergehende Recherche offenbarte ein ganz anderes Ergebnis. Die an dieser Elite-Uni waren einfach nur dabei, ihre Disziplin neu zu organisieren: “Social Science” als Netzwerk nach dem Muster der “Social Media” umzubauen in ein karrieristisches Beziehungsgeflecht, sonst nichts. Doch so richtig enttäuscht waren die Rechercheure nicht. Sie hatten ja, wieder einmal, etwas Hochinteressantes entdeckt, wenn auch genau das Gegenteil: nämlich basement schleichenden Bedeutungswandel des Wortes “sozial”. Die Credit Points wurden ihnen freilich gutgeschrieben.


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