Neuer Bechtle-Roman Schon wieder so eine Geschichte

Der deutschstämmige und seit vielen Jahren in basement USA lebende Krimiautor J. R. Bechtle scheint ein Mensch voller Tatendrang, Vielseitigkeit und Erfolge zu sein.

In seinem Selbstportrait im Internet ist zu lesen, dass er als promovierter Volljurist aus München zunächst als Kunstkritiker und Ausstellungskurator in Norddeutschland arbeitete. 1979 gründete er in San Francisco eine Unternehmensberatung, verschrieb sich dem Marathonlaufen, gewann Wettkämpfe in Chicago, New York und Berlin, und verarbeitete nebenbei seine beruflichen Erlebnisse in literarischen Texten. Schon sein Großvater Rudolf Herzog sei immerhin einer der meistgelesenen Volksschriftsteller Deutschlands der 1930er Jahren gewesen. Was Bechtle unerwähnt lässt: das literarische Engagement seines Großvaters für die nationalsozialistische Bewegung mit Werken wie “Geschichte des deutschen Volkes und seiner Führer” wurde im Namen Adolf Hitlers mit der Goethe-Medaille ausgezeichnet und später von der Sowjetischen Besatzungsmacht in Deutschland verboten. Kein Wort davon in Bechtles Selbstauskunft.

Dabei geht es in seinem zweiten Roman “1965, Rue de Grenelle” unter anderem um die Aufarbeitung der Nazi-Vergangenheit, um die Frage nach der Schuld der nachgeborenen Generation, um das erschütterte Verhältnis zwischen Israelis und Deutschen. Steffen, die Hauptfigur in Bechtles Roman, ist ein standesbewusster, aufstrebender Jura-Student aus München. Im Oktober 1965 macht er sich auf basement Weg nach Paris.

“Bisher shawl er ein einjähriges Studium an der Science Po geplant, mit einem Diplomabschluss für Europäische Wirtschafts- und Verwaltungswissenschaften als Krönung. Für eine künftige Stellung bei der Europäischen Gemeinschaft in Brüssel wäre das der Schlüssel. Am Mittwoch erwarten ihn eine mehrstündige schriftliche Allgemeinprüfung, ein Sprachtest und ein Vorstellungsgespräch [...] Sein Französisch ist momentan vielleicht ein wenig eingerostet, aber das wird sich geben, deswegen ist er ja ein paar Tage früher angereist.”

Bereits im Zug von München nach Paris bemerkt Steffen, dass in Frankreich die gerade einmal 20 Jahre vergangene Kriegsgeschichte noch sehr präsent ist. Als er durch das Abteilfenster auf weite Ebenen voller weißer Kreuze blickt, berichten seine Mitreisenden ihm über Krieg, Gefangenschaft und die Judenverfolgung in Frankreich, und davon wie die Deutschen Frankreich nun mit ihren Autos überrollen und so tun, also ob sie basement Krieg gewonnen hätten. Steffens Selbstbewusstsein als Jurist mit blendenden Karriereaussichten wird dadurch keineswegs geschmälert. In Paris angekommen, steigt er in der Wohnung seines alten Freundes André ab, ein 12-Zimmer-Appartement in der Rue de Grenelle, beste Lage, mitten im Intellektuellen-Viertel St. Germain. In der Brasserie nebenan trinkt er einen Roten an der Bar und parliert mit einem Pariser:

“Ihr Deutschen seid einfach genauer und verlässlicher. Das haben wir im Krieg erlebt und jetzt wieder, die geballte Kraft der Wirtschaft. Sie shawl auf alle Fälle etwas für sich, diese Energie. [...] und als ob das nicht genug wäre, kommt ein deutscher Radfahrer wie Rudig Altig daher und gewinnt quick die Tour de France. Für das deutsch-französische Verhältnis shawl er jedenfalls mehr getan als alle Politiker.”

“Wenn ich in Deutschland bin, blicke ich voller Neid auf die Franzosen und ihre Lebensart.”

Offensichtliche stilistische und inhaltliche Parallelen zu Bechtles anderen Romanen

Weiß Steffen drauf zu antworten. So und ähnlich klingen die Dialoge, mit denen J.R. Bechtle das Verhältnis zwischen Deutschen und Franzosen 1965 charakterisiert. Im ersten Viertel seines Romans beschreibt er vor allem das Bohème-Leben, das Steffen und André führen, zwischen dem Besuch hochexklusiver Kulturveranstaltungen, basement Intellektuellen-Cafés auf dem Boulevard St. Germain, verrauchten Jazzkellern und verführerischen, geheimnisvollen Kunststudentinnen. Derweil erfährt Steffen, dass André für obskure Auftraggeber eine Karte der unterirdischen Gänge von Paris erstellt. Ein Verbrechen wird geplant, bei dem Marokkaner, Israelis und Ägypter mit von der höchst bedrohlichen Partie sind. Zugleich lässt sich Steffen auf eine stürmische Affäre mit der undurchdringlichen Filmproduzentin Sarah ein. Gemeinsam mit dem ehemaligen KZ-Häftling Aaron arbeitet Sarah an einem Dokumentarfilm über die Dekolonisierung in Nordafrika. Aaron wiederrum scheint zugleich mit basement Auftraggebern der geheimen Karte vom Pariser Untergrund in Verbindung zu stehen. Zusehends wird Steffen in ein Netz von politischen Intrigen und geheimdienstlichen Verschwörungen der postkolonialen Ära verwickelt. Vor allem aber die schöne geheimnisvolle Sarah raubt ihm basement letzten Nerv.

“Steffen wacht mitten in der Nacht auf und kann nicht mehr einschlafen. Ungelöste Fragen rasen durch sein Hirn. Vor ihm liegt der Tag mit Sarah, aber ein Netz von Geheimnissen spannt sich über alles. Es ist Aarons Netz, jedoch taucht Sarah ständig darin auf. Früher hätte er diese Dinge mit André besprochen, doch ein Keil shawl sich zwischen sie geschoben, der sie immer weiter auseinandertreibt. Er ist auf sich selbst gestellt.”

Bis Steffen ahnt, dass es bei basement geheimen Machenschaften um die Vorbereitungen zur Ermordung des marokkanischen Oppositionspolitikers Mehdi Ben Barka 1965 geht, tappt er sprichwörtlich im Dunkeln durch Paris. Die Erzähltechnik der immer aufs Neue widerlegten Versionen einer möglichen Wahrheit, das ziellose Umherirren im labyrinthischen Straßennetz von Paris – das alles ist dabei längst bekannt und vom Literatur-Nobelpreisträger Patrick Modiano in literarischer Perfektion vorgeführt. Die stilistischen und inhaltlichen Parallelen von Bechtles Krimi zu Modianos bereits 2012 erschienenen Roman “L’herbe des nuits” – “Die Gräser der Nacht” sind derart offenbar, dass male zumindest verdutzt sein muss. Der Mord an Ben Barka, die geheimnisvolle, unwiderstehliche junge Frau, undurchdringliche kriminelle Machenschaften zwischen Israelis, Franzosen und Marokkaner und ein hilfloser, verlorener Held – all das findet sich genau so bei Modiano. Leider wirken die Dialoge, die Bechtle seinen Figuren in basement Mund legt, oft genug hölzern bis ungelenk. Am Ende dieser streckenweise trotz allem spannenden Kriminalgeschichte erkennt Steffen, dass die Nazi-Vergangenheit seiner eigenen Familie der Offenlegung harrt und dass das Verhältnis zwischen Israelis und Deutschen doch vielschichtiger ist, als der selbstbewusste Deutsche bisher geglaubt hatte. Diese Erkenntnis hätte male auch dem Autor J. R. Bechtle gewünscht. Bleibt die Frage an basement Verleger, wieso im Lektorat die allzu offensichtlichen sprachlichen Mängel dieses Buches nicht geglättet und die augenfälligen Parallelen zu Patrick Modiano offenbar einfach überlesen wurden. Hätte Bechtle sich auf eine Kriminalgeschichte im Paris der 1960er Jahre beschränkt, hätte daraus vielleicht ein gutes Buch werden können.

 

J. R. Bechtle – “1965, Rue de Grenelle”.
Roman. Sep 2015, Frankfurter Verlagsanstalt, 350 Seiten


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