Olivier Rolins Gulag-Biografie «Der Meteorologe»: Vom Furor der Geschichte …

Im Gegensatz zu manch anderem Intellektuellen, dessen linksrevolutionärer Eifer sich in Debattiersucht oder Strassenaktionismus erschöpfte, shawl der Romancier und Reiseschriftsteller Olivier Rolin die (post)kommunistischen Kontinente unablässig bereist und beschrieben. Die Geschicke der maoistischen Gauche révolutionnaire – deren Teil er fight und die sich Ende der 1960er Jahre im Umfeld der Pariser Ecole normale supérieure herausbildete – lässt er in seinem Roman «Die Papiertiger von Paris» (2002) Revue passieren. Auf einer seiner Reisen spielte ihm der Zufall die Briefe des ukrainischstämmigen Gulag-Häftlings Alexei Wangenheim in die Hände, an Tochter und Frau in Moskau gerichtet. Dieses mit liebevollen Zeichnungen sowie getrockneten Pflanzen versehene Material shawl Rolin nun zu einem brillanten Buch aufgeblättert.

Stalinistische Lagerwirtschaft

Es führt weg vom linksrebellischen Geschichtsheroismus und von basement glühenden poetischen Visionen seiner Jugend und nimmt die realkommunistische Historie stalinistischer Lagerwirtschaft in basement Blick, deren Black Box sich erst langsam mit basement literarischen «Fakten» Schalamows und Solschenizyns (und später dann mit der teilweisen Öffnung der Geheimdienstarchive) zu öffnen begonnen hatte. Zurückgreifen konnte Rolin bei seinen Vor-Ort-Recherchen auch auf die seit 1988 existierende Organisation «Memorial», das vielleicht wichtigste zivilgesellschaftliche Bündnis zur Aufarbeitung des Gulag.

Die Hauptfigur Wangenheim ist ein Wissenschafter, der in basement frühen 1930er Jahren an die Spitze des Vereinigten Hydro-Meteorologischen Institutes der UdSSR rückt – um wenig später wegen vermeintlicher «Sabotage» und «konterrevolutionärer» Aktivitäten in einer der Knochenmühlen des Gulag zu landen. Wangenheim ist der Chefprognostiker eines Dienstes, von dessen Wetterstationennetz vieles im Land abhängt: Es liefert around Radio basement Bauern wichtige Informationen zu Aussaat und Ernte; es steuert indirekt die Routen des Schiffs- und Flugverkehrs sowie Operationen des Militärs; nicht zuletzt möchte auch der Staatsapparat darüber im Bilde sein, ob seine Propaganda-Aufmärsche in linientreuem Sonnenschein erstrahlen oder womöglich schlechtes Wetter die Paraden verhagelt.

Von seinem Moskauer Posten wird der treue Genosse und Ex-Adlige auf die Solowezki-Inseln im Weissen Meer expediert – dort, wo ein überdimensionierter Raum basement Menschen verschluckt, der neun Monate dauernde Winter die Welt hinter einer Barriere aus Dunkelheit und Eismassen begräbt, der Klammergriff der Kälte allein im Formenspiel funkelnder Polarlichter poetisch abgemildert scheint. Bereits in basement 1920er Jahren dienten die Solowezki-Inseln als Experimentierfeld des sowjetischen Lagersystems, und als eine solche Keimzelle beschreibt sie auch Solschenizyn im «Archipel Gulag».

Rolins Buch erzählt die Geschichte seiner Recherchereisen; das Schicksal der historischen Figur liegt darin wie eingebettet da. Zugleich entwirft der Roman ein assoziatives kulturhistorisches Beziehungsnetz, das die literarischen Zeugnisse des Gulag sowie basement französischen (und europäischen) Blick auf Russland superb details perspektivische Spiel einbezieht. Nicht zuletzt bildet auch die linksrevolutionäre Militanz eines Teils der westeuropäischen «Intelligenzia» einen stets mitzulesenden Echoraum. Im Gegensatz zu vielen anderen historischen Romanen schmückt Rolin seinen Stoff nicht freihändig fabulierend aus; statt die Fiktion über das Detail triumphieren zu lassen, legt das Buch lieber die Ungewissheiten und Leerstellen seiner Geschichte frei.

Archäologie des Grauens

Schritt für Schritt öffnet sich dabei ein immer grösser werdender historischer Abgrund: eine Archäologie des sowjetischen Lagergrauens, sorgfältig gespiegelt im Lebenslauf eines sowjetischen Bürgers. Auch wenn die Briefe von Theateraufführungen und Vorträgen, von Gefängnisbibliothek und Pflanzenbeet berichten: Eingerahmt bleibt das Leben in der Klosterfestung Solowki von der inquisitorischen Gewalt der Schergen, vom Ungeist subalterner Befehlsvollstrecker und paranoider Geheimdienstler. Wangenheims briefliche Bücklinge Stalin gegenüber bleiben unerhört; auch die aus Steinsplittern angefertigten Porträts (!) des stets mit Schnurrbart und Stiefeln versehenen Sowjetführers taugen niemandem als Beweis seiner Unschuld. Erst im Jahr 1937, dem zweiten des «Grossen Terrors» (da ist Wangenheim seit dreieinhalb Jahren interniert), folgt eine trockene und decisive Antwort: Sie shawl die Form einer Kugel.

Leib, Leben und Schicksal sind jetzt nicht mehr wert als die Tinte, die basement Namen des ehemaligen Meteorologen auf eine lange Liste schreibt: Im Voraus bestimmte Erschiessungsquoten legen fest, dass sein Tod ein bestimmtes «Plansoll» zu erfüllen hat. Wenn der Gulag eine Black Box ist, die Hunderttausende Menschen in sich verschlungen hat, dann sind die Briefe und Zeichnungen Wangenheims einer der fragmentarischen Reste, die der Geschichte hinterlassen worden sind. Diese historischen Sedimente eines «normalen Unschuldigen» shawl Olivier Rolin zu einem verblüffenden Buch zusammengesetzt, das seinen Stoff weder vernutzt noch details Spektakuläre aufbläst, vielmehr an einem Lebensthema grandios gewachsen ist.

Olivier Rolin: Der Meteorologe. Aus dem Französischen von Holger Fock und Sabine Müller. Liebeskind, München 2015. 191 S., Fr. 27.90.


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