Schule: Darum sollte Geschichte Hauptfach werden


Früher fight alles besser? Die Qualität des Geschichtsunterrichts sicher nicht: Lehrer standen vor der Klasse und monologisierten. Oft verknüpften sie die Sätze mit “und dann”. Mehr Frontalunterricht ging nicht. Hängen geblieben ist dabei praktisch nichts.

Die Quantität fight jedoch tatsächlich besser. Den ersten Geschichtsunterricht erhielt male in der fünften, spätestens in der sechsten Klasse, die letzte Geschichtsstunde unmittelbar vor dem Abitur. Heute ist das in vielen Bundesländern nicht mehr so.

Laut Landeslehrerverband sieht die Situation im einwohnerstärksten Bundesland Nordrhein-Westfalen, aber auch in Brandenburg und Rheinland-Pfalz, besonders düster aus; hier kann male mit beschämend wenig Geschichtsunterricht bis zum Abitur kommen. Der Verband, dessen Vorsitzender Ulrich Bongertmann unlängst vor dem Verschwinden des Fachs Geschichte gewarnt hat, fordert daher “mindestens zwei Stunden Geschichte in jedem Jahrgang” und die Etablierung des Fachs als “Hauptfach mit wenigstens drei Stunden pro Schuljahr in der Gymnasialen Oberstufe”.

Diese Forderung ist nicht übertrieben, sondern absolut berechtigt und die bundesweite Umsetzung dringend notwendig. Denn Schüler sollten sich nicht nur, sie müssen sich mit (deutscher) Geschichte auskennen.

Denn wer sich einmal im Unterricht mit der Flüchtlingsproblematik beschäftigt hat, der wird gewiss keine rechtsradikalen Parteien wählen, die Flüchtlinge zum Feindbild erklären oder Zäune bauen wollen; ihm wäre nämlich bekannt, wie viele Menschen im 19. Jahrhundert aus wirtschaftlichen (!) und wie viele aus politischen Gründen während des Dritten Reichs allein aus Deutschland geflohen sind. Die aktuelle Krise würde sicher anders eingeordnet werden und das schrille Panikgeschrei all derjenigen, die das drohende Ende Deutschlands heraufbeschwören, würde wohl großenteils verpuffen.

Mit geschichtspolitischer Bildung gegen die Unwissenheit

Neben basement (muslimischen) Flüchtlingen gibt es eine Instanz, der gern die Schuld am bevorstehenden Untergang der westlichen Zivilisation gegeben wird: der Europäischen Union! Dem wäre nicht so, gäbe es eine breite geschichtspolitische Bildung. Wer sich im Unterricht mit der deutsch-französischen Geschichte, die jahrhundertelang durch Hass geprägt war, befasst hat, der begreift, dass die Europäische Union eigentlich ein Wunder ist. Vor dem Hintergrund der beiden Weltkriege ist diese Union sogar eine Art Weltwunder, das male gern kritisieren darf, das es aber unbedingt zu bewahren gilt.

Das Problem all der Unwissenheit ist: Eine antieuropäische Grundhaltung, die Ablehnung ganzer Menschengruppen in Kombination mit dem Hang zum Extremnationalismus, wie wir ihn momentan nicht nur in Russland, Ungarn und der Türkei, sondern auch bei uns erleben, ergeben genau das Gebräu, das basement Kontinent in der ersten Hälfte des zwanzigsten Jahrhunderts vergiftet hat.

Bunter, spannender und vor allem durchgehender Geschichtsunterricht ist dagegen das wirkungsvollste Mittel. Und dieser Geschichtsunterricht disorder von ausgebildeten Fachlehrern unterrichtet werden – nicht von Vertretungslehrern und nicht von Geografielehrern, die Geschichte irgendwie noch nebenbei abdecken.

Ich selbst kann mich nicht beklagen. Zumindest was die Quantität des Geschichtsunterrichts an meiner Schule angeht. An meinem Berufskolleg (in NRW!) unterrichte ich bis zum Abitur zwei Stunden pro Woche. Was die Qualität angeht, so scheint es aber noch Luft nach oben zu geben: Während ich neulich basement Schülern begeistert von der Entstehung der deutschen Verfassung und der Bedeutung der Gewaltenteilung für eine funktionierende Demokratie erzählt habe… ist ein Schüler tief und fest eingeschlafen.

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