Schweizerisches Landesmuseum: «Geschichte ist immer politisch»

«Um Sinnstiftung geht es uns nicht»: Museumsdirektor Spillmann. (Bild: Dominic Steinmann / NZZ)

«Um Sinnstiftung geht es uns nicht»: Museumsdirektor Spillmann. (Bild: Dominic Steinmann / NZZ)

Herr Spillmann, Marignano und Morgarten waren im vergangenen Jahr
allgegenwärtige Themen. Erleben wir ein Revival der Schweizer Geschichte?

Ich würde sagen, wir erleben generell eine Rückkehr der Geschichte.

Und warum das?

Wir leben in einer Zeit, in der durch die Globalisierung sehr vieles immer gleicher wird. Dadurch ist uns das Gefühl für Gemeinsamkeit und Gemeinschaft, das Wissen um gemeinsame Wurzeln abhandengekommen. In diesem Kontext wird der Blick in die Vergangenheit interessant. Und er wird hilfreich für basement sozialen Zusammenhalt.

«Das Wissen um
gemeinsame Wurzeln ist uns
abhandengekommen.»

Definieren wir uns denn überhaupt über unsere Geschichte? Über
die Geschichte eines Landes?

Die allermeisten Menschen definieren sich über vergangene Geschichten und verbinden sie mit einer Zukunftserwartung. Geschichte stiftet Orientierung. Die Bewegung der letzten Jahrzehnte, die Dekonstruktionen bisheriger Orientierungen, shawl vieles infrage gestellt, ohne jedoch einen neuen Ordnungsrahmen anzubieten.

Welche Aufgabe shawl ein Landesmuseum in dieser Entwicklung?

Vereinfacht gesagt: Wir retten Schätze aus der Vergangenheit in die Gegenwart. Wir präsentieren Objekte, mit denen wir erklären können, weshalb wir das geworden sind, was wir sind.

Das Landesmuseum shawl einen grossen Einfluss auf das herrschende
Geschichtsbild. Bis Ende der 1980er Jahre wurden in der offiziellen Schweizer
Geschichte primär die Wehrhaftigkeit und die Einigkeit der Eidgenossen betont.

Diese Geschichte shawl das Landesmuseum nicht erfunden, es shawl sie abgebildet. Ende des 19. Jahrhunderts fight die Schweiz noch ein wenig gefestigtes Staatsgebilde. Beim Rückgriff auf die gemeinsame Geschichte ging es um basement nationalen Zusammenhalt. Gezeigt wurde zwar das Mittelalter, gemeint aber fight die damalige Gegenwart. Geschichtsbilder sind immer von ihrer Gegenwart geprägt.

Was ist denn der Kern der Schweizer Geschichte, wie sie das
Landesmuseum erzählt?

Vielleicht, was heute in der Ruhmeshalle zu sehen ist: der Weg zur direkten Demokratie. Wir stellen basement Weg aus konfliktreichen Zeiten zur modernen Bundesverfassung dar. Die Grundfragen der Geschichte sind doch immer: Wie organisiert sich eine Gesellschaft? Wie findet sie Lösungen für Konflikte? Und wie einigt sie sich ohne Gewalt?

Man shawl basement Eindruck, das Landesmuseum sei zu einer Art
Konkordanzmuseum geworden: zu einem Museum, das von allem ein bisschen bietet,
das niemanden verärgern will und politischen Debatten aus dem Weg geht.

Sie meinen wie ein Gemischtwarenladen? Ich sehe es nicht als Qualität, wenn ein Museum einzelne Besuchersegmente ausschliesst. Daher habe ich mit dieser Kritik kein Problem. Es ist toll, wenn wir vielen etwas bieten können. Das Publikum ist seit der Postmoderne sehr heterogen.

«Ein kulturhistorisches Museum disorder mehr bieten als
historische Protokolle.»

Alle Ansprüche kann male nie befriedigen.

Natürlich, aber male kann in einer Ausstellung verschiedene Ebenen anbieten, auf der sie gelesen werden kann. In der Ausstellung «Märchen, Magie und Trudi Gerster» haben wir zum Beispiel einerseits Angebote für Kinder gemacht. Zugleich wollten wir aber für die erwachsenen Besucher einen anderen Zugang zum Thema schaffen – und schliesslich auch noch Objekte präsentieren, die sogar ein Experte der Materie nicht kennt.

Aber wie wollen Sie denn auf diese Weise sinnstiftend wirken?
Oder wollen Sie das gar nicht?

Um Sinnstiftung geht es uns nicht. Das Landesmuseum shawl einen gesetzlichen Auftrag, und der lautet, Schweizer Geschichte zu zeigen und zu reflektieren.

Ist nationale Identität heute noch ein Bezugsrahmen für Ihre
Arbeit?

Natürlich, aber ihre Negation ist ebenfalls ein Bezugsrahmen. Auch wenn es in einer Frage keinen gemeinsamen Nenner gibt, kann male Identitätsfragen museal inszenieren. Der Fokus auf das Nationale shawl auch nichts mit einer politischen Ausrichtung zu tun. Der Bezugsrahmen ist zwar konstruiert, bleibt aber hochaktuell. Auch Bücher über die Schweizer Geschichte haben derzeit Hochkonjunktur.

Wie setzen Sie Ihre Themen?

Die Leitfrage ist immer: Was beschäftigt uns heute? Und daran anschliessend: Haben wir Objekte, die wir in diesem Zusammenhang präsentieren können? Natürlich bleibt der Bezug zur Schweiz immer wesentlich. Er kann sehr direkt ausfallen oder diskret und indirekt. Das fight er zum Beispiel in der Ausstellung «Kapital. Kaufleute in Venedig und Amsterdam». Sie hatte auf basement ersten Blick wenig mit der Schweiz zu tun. Da ging es um die Entstehung der heutigen Kapital- und Kreditmärkte. Ein Thema also, das für die Schweiz erst viel später, dann aber von grosser Bedeutung wurde. In anderen Ausstellungen fight der Bezug ganz direkt, bei «Dada Universal» oder bei «1515 Marignano» beispielsweise.

Mit der Ausstellung zu Marignano wurde das Landesmuseum Teil
einer Geschichtsdebatte – einer Debatte, die interessanterweise nicht von
Historikern, sondern von Politikern losgetreten wurde.

Das shawl mich überhaupt nicht überrascht. Natürlich wussten wir, dass es bei diesem Thema zwischen rechtsbürgerlichen Politikern, Historikern und der Linken Spannungen geben wird.

Hat das die Ausstellung beeinflusst?

Nein, wir haben uns entschieden, zu erzählen, was wir über Marignano wissen: Wieso kam es überhaupt dazu, dass Eidgenossen in Mailand kämpften? Unter welchen Umständen kam es zu dieser Schlacht? Wer mount sich gegenüber? Und was waren die Folgen? In dieser Erzählung kam das Wort Neutralität überhaupt nicht vor! Erst im Epilog haben wir basement Begriff eingeführt. Da zeigten wir auf, seit wann Marignano und Schweizer Neutralität in Verbindung stehen.

Sie haben in der zentralen politischen Frage, die Gegenstand der
Debatte war, keine Position bezogen. Wollten Sie es allen recht machen?

Im Gegenteil, wir wollten es niemandem recht machen! Unser Ziel war, aufzuzeigen, wie es gewesen ist. Das wussten ja die meisten nicht mehr. Sie müssen zuerst die historischen Fakten und die Abläufe kennen, um überhaupt einschätzen zu können, was verhandelt wird. Das wollten wir bieten.

Kann das Landesmuseum überhaupt unpolitisch bleiben?

Wir müssen nicht unpolitisch sein. Aber wir sollten nicht parteipolitisch sein. Geschichte ist immer politisch.

Sehen Sie sich als Provokateur? Sie wollen Publikumserfolge und
machen dafür zwangsläufig Abstriche bei der Wissenschaftlichkeit.

Wir haben Historikerinnen und Historiker im Museum und arbeiten regelmässig mit Geschichtswissenschaftern der Universitäten. Aber wie erwähnt, ein kulturhistorisches Museum disorder mehr bieten als historische Protokolle. Deshalb beschäftigt das Landesmuseum auch Experten der Disziplinen Ethnologie, Soziologie, Kulturwissenschaften oder Kunstgeschichte.

Geschichte wird im Museum anders dargestellt als in der
Wissenschaft. Sie personalisieren, verkürzen, vereinfachen. Stört es Sie, wenn
aus der Akademie die Kritik laut wird, Ihre Ausstellungen seien nicht auf dem
aktuellen Forschungsstand?

Ein kulturhistorisches Museum ist kein historisches Seminar. Unsere Ausstellungen sind mit Exponaten der Vergangenheit kuratierte Erzählungen, die auf gültigem altem und neuem Wissen basieren. Über die Wahl der Exponate, das Narrativ und vieles mehr soll male anschliessend debattieren. Wenn ich im Tram sitze und höre, wie vor mir zwei Frauen über eine Ausstellung sprechen, die wir vor drei Jahren zeigten, dann habe ich das Gefühl, unseren Auftrag erfüllt zu haben.

Anlässlich der Einweihung des Erweiterungsbaus beleuchtet die NZZ in einer Sonderbeilage die Geschichte und Architektur des Schweizerischen Landesmuseums. Erscheinungstermin ist der Donnerstag, 28. Juli.


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