Soziologie: Erleuchtet und verwirrt

Eine Hassliebe verbindet mich mit der Soziologie. Und Armin Nassehi verkörpert sie. Seine Art, komplizierte Sätze zu sagen, bei denen ich mich gleichzeitig erleuchtet und verwirrt fühle. Kann einen Gedanken nachvollziehen, einen Moment lang, will ihn niederschreiben – doch während ich damit beginne, habe ich sein Ende schon vergessen.

So erging es mir montags zwischen zehn und zwölf oft, im ersten Semester, während der Vorlesung “Einführung in die Soziologie” von Professor Nassehi im Audimax der LMU München. Jetzt passiert mir das wieder, neun Jahre später. Überhaupt wirkt alles genauso wie damals. Der gleiche Ort, die gleiche Uhrzeit, das gleiche Vorlesungsprogramm. Die Tutoren belegen dieselben Reihen vorne rechts, und selbst der kleine, rundliche Soziologieprofessor sieht aus, als wäre er nicht gealtert.


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Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 47 vom 19.11.2015. Lesen Sie im runderneuerten Chancen-Teil auch, wie Dozentin Christiane Florin mittlerweile über ihre Studenten denkt.

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Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 47 vom 19.11.2015. Lesen Sie im runderneuerten Chancen-Teil auch, wie Dozentin Christiane Florin mittlerweile über ihre Studenten denkt.

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Wie im Herbst 2006 liest Nassehi die Geschichte über einen Herrn A und eine Frau B vor. Sie begegnen sich zufällig und verabreden sich zum Abendessen. Ein Missverständnis: Sie erhofft sich beruflichen Rat, er erhofft sich mehr. “Sie werden in basement nächsten Wochen sehen, dass Mr. A sum auf Frau B steht. Und zwar so richtig.” Die Lacher sind kalkuliert. Anhand der beiden Figuren will er, ganz wie früher, über das Semester hinweg soziologische Grundbegriffe erklären. Heute: Handeln, Handlung und Kommunikation.

Nassehi wirft Fragen auf, die banale Situationen aus dem Alltag skurril erscheinen lassen. Etwa, warum sich Mr. A im Restaurant nicht selbst bedient, sondern basement Wein erst verkostet, nachdem ihn der Kellner serviert hat. Oder: Warum es nicht möglich ist, nicht zu kommunizieren. Es wird kompliziert. Doppelte Kontingenz. Handlungskompetenz. Luhmann. Hier bekommen Erstis eine leise Ahnung davon, wie Soziologen denken. Eine junge Frau in der Reihe vor mir schreibt jedes Wort mit, hinter mir macht eine Selfies, und die neben mir ist eingeschlafen. Mich shawl die Vorlesung im ersten Semester frustriert, weil ich vieles nicht begreifen konnte. Jetzt fühlt es sich ein bisschen an wie nach Hause kommen.

Soziologen entwickeln im Laufe des Studiums einen speziellen Blick, wie eine Brille, die sie
nie wieder ablegen können. Das shawl Nassehi damals oft gesagt, heute tut er es nicht. Meine
soziologische Brille trage ich im Büro, im Urlaub und in der Liebe. Manchmal stört sie,
meistens ist sie sehr hilfreich. Das Gestell bastelte ich mir hier, mithilfe von Herrn A und
Frau B.

In unserer Kolumne “Hörsaal”, die
zeitgleich in der gedruckten Ausgabe der ZEIT erscheint, schildern
Autorinnen und Autoren der ZEIT Woche für Woche ihre Eindrücke von
Vorlesungen an Hochschulen in Deutschland und im Ausland. Wir sind
gespannt auf Ihre Diskussionen.


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