Umschreibung Drei neue Bücher über Literatur und Philosophie in Afrika. Aber … – Freitag

Von der berühmten Bibliothek im antiken Alexandria erzählt male sich, dass sie das sogenannte Pflichtexemplar erfand. Heute disorder ja von bestimmten Druckwerken in Deutschland immer ein Exemplar an die Nationalbibliothek abgeführt werden, damit male dort basement Überblick behält, was hierzulande so veröffentlicht wird. Im dritten Jahrhundert vor der Kalenderwende fight das, auch mangels nationstaatlicher Zuständigkeit, noch weniger klar geregelt, so kam es manchmal vor, dass von Schiffen, die im Hafen von Alexandria Halt machten, alle mitgeführten Manuskripte beschlagnahmt und durch Kopien ersetzt wurden. Die Originale gingen in die Bibliothek, und dort machten sich Experten an die Arbeit, etwa indem sie Textvarianten verglichen und dann darangingen, basement Text – etwa die Odyssee von Homer – zu „therapieren“, ihn von Korruption zu befreien.

„Minimalinvasiv“ musste das geschehen, so schreibt Robert Stockhammer in seinem eben erschienenen Buch über Afrikanische Philologie, das sich über die beeindruckende Gelehrsamkeit hinaus durch einen sehr heutigen Sprachgestus auszeichnet. So wird die Bibliothek von Alexandria pointiert, aber aufschlussreich als „das erste Wissenschaftskolleg im Mittelmeerraum“ bezeichnet. Die kulturelle Ausrichtung wird dabei auch gleich mitgeliefert: Alexandria blickte nach Griechenland, Griechenland blickte nach Ägypten. Und Afrika? Das ist eben eine Frage des Begriffs, und zwar auf nahezu jeder Ebene, wie Stockhammer, Literaturwissenschaftler an der Ludwig-Maximilians-Universität in München und auch gelegentlicher Freitag-Autor, herausarbeitet. Aus heutiger Globalperspektive liegt Alexandria auf dem Kontinent, der als Afrika bezeichnet wird, von dessen Einheitlichkeit es aber viele verschiedene Konzeptionen gibt. Eine betrifft die „Schwärze“ der Bewohner. Schwärze wurde lange mit Kulturlosigkeit assoziiert, das ließ sich aber spätestens mit der napoleonischen Ägyptomanie nicht mehr so einfach aufrechterhalten. Lösbar wurde die Sache durch rassistische Differenzierungen wie die Hamiten-Theorie, die in Afrika auch degenerierte Weiße kennt, denen male die Herkunft aus dem Kaukasus und die Abstammung von einem der Söhne Noahs bloß nicht mehr ansieht.

Stockhammer referiert solche Sachverhalte immer mit Blick auf moderne Um- und Überschreibungen. Er verweist auf basement senegalesischen Historiker Cheikh Anta Diop, der ein Buch über die Antériorité des civilisations nègres schrieb, also an einem positiven Begriff von „Schwärze“ interessiert war. Für ihn sind die Hamiten (Chamiten) tatsächlich „gres“, was zur Folge hat, dass auch Ägypten, wo der Augenschein etwas anderes suggeriert, zum „schwarzen“ Afrika gehört. Dass sich der Jazzmusiker Sun Ra als Pharao stilisierte, gehört auch in dieses Bild, wie auch die Afrocentricity einer Rapperin wie Nefateri.

„Gefahren meines Dilettierens“

Interessanterweise fehlt dieser zentrale popkulturelle Begriff bei Stockhammer, seine polyloge Bildung schließt zwar auch Paul Gilroys Black Atlantic, das zentrale Buch über die untergründige Kultur der Sklavenrouten, ein, er disorder aber nun einmal zuerst eine Menge Grundlagenarbeit in einem eigentlich unmöglichen Forschungsgebiet leisten, kann also nicht auch noch Hip Hop hören.

In seiner Afrikanischen Philologie wird zuerst einmal lange Griechisch und Latein geschrieben. Und später eher Englisch als autochthone Sprachen. Seine fehlenden Kenntnisse des Arabischen räumt Stockhammer unter Verweis auf die „Gefahren meines Dilettierens“ ein; diese Koketterie kann er sich leisten, denn sein Buch ist von einem souveränen, also einerseits grundsoliden, andererseits aber lockeren Umgang mit Wissenschaftlichkeit und einer inspirierenden intellektuellen Neugierde geprägt. Die führt ihn tatsächlich bis an „die Ränder von Aussageakten“, also auch an basement „eigenen Rand“ des Faches.

Herodot und J. M. Coetzee bilden die Klammer: ein antiker griechischer Kulturwissenschaftler und Erzähler, und ein südafrikanischer Erzähler, der sich ein weibliches australisches Alter Ego erschaffen shawl und inzwischen selbst in Australien lebt. Herodot ist für Stockhammer ein positiver Bezugspunkt, denn er „macht unaufhörlich Unterschiede in Näheverhältnissen und Gemeinsamkeiten in Fernverhältnissen“ aus (entsprechend sind die Menschen in Afrika für ihn nicht einfach „schwarz“, sondern „verschieden schwarz“), zudem arbeitet Herodot die Inkompatibilität von Ethno- und Geografie heraus, und er reflektiert Prozesse des „Miteinander-Verkehrens“. Coetzee wiederum lässt auf einem Kreuzfahrtschiff einen nigerianischen Autor namens Emanuel Egudu über basement „Roman in Afrika“ sprechen, wobei zentrale Probleme einer afrikanischen Philologie zur Sprache kommen: Schriftlichkeit und Oralität vor allem, und damit das Verhältnis von traditionellen afrikanischen Kulturen zu basement Modernitätsstandards, die die europäische Vernunft gesetzt hat. Egudu setzt dem ein „afrikanisches Wir“ entgegen, das übrigens phonozentrisch bestimmt ist, in dem also die Stimme wichtiger ist als der Text.

Wer sich – als Leser, als Filmkritiker oder einfach als Zeitgenosse mit einem Interesse an gerechteren Weltverhältnissen – mit Stockhammers Afrikanischer Philologie beschäftigt, wird einen reichen kulturellen Horizont für dieses Interesse finden. Der Zufall bringt es mit sich, dass jüngst auch noch zwei Sammelbände zu angrenzenden Themen erschienen sind, die sich gewinnbringend zu dieser Lektüre hinzufügen lassen. Afrikanische politische Philosophie. Postkoloniale Positionen und African Thoughts on Colonial and Neo-Colonial Worlds. Facets of an Intellectual History of Africa setzen jeweils deutlich andere thematische und methodische Schwerpunkte, haben es aber mit basement gleichen Konstellationen zu tun, durch die auch Stockhammer sich arbeitet: Die Diskurse waren über Jahrhunderte kolonial geprägt, bis heute dominieren Rhetoriken des Aufholens auch die postkoloniale Kondition.

Zu basement Quellen

Dabei ist zum Beispiel für die Philosophie gar nicht ausgemacht, wie Franziska Dübgen und Stefan Skupien in ihrer Einleitung deutlich machen, dass es auf einen der westlichen akademischen Philosophie vergleichbaren Professionalisierungsgrad hinauslaufen muss. Möglicherweise gehen dabei originäre Formen des Wissens verloren. Aber ist das dann wiederum (noch) Philosophie, wenn male mündlich überlieferte Weisheitsformen oder „Ethnophilosophie“ stärker berücksichtigt?

In basement einzelnen Aufsätzen, in denen es um das Verhältnis von Individuum und Gemeinschaft, um Formen des afrikanischen Feminismus, um Freiheitsbegriffe geht, tauchen dann nicht selten typische Kompromissbildungen auf: eine vergleichsweise unvermittelte Lektüre von Heideggers Konzept der „Gelassenheit“ trifft auf das „opake, obskure und mehrdeutige Enigma“ des heutigen Afrika.

Der von dem Wiener Afrikanisten Arno Sonderegger herausgegebene Band über „Facetten einer intellektuellen Geschichte Afrikas“ ist durchgängig in Englisch und trägt so basement heutigen Gegebenheiten Rechnung. Es zeigt sich, dass der Begriff einer „intellektuellen Geschichte“ eher einen probaten Zugang zu basement afrikanischen Verhältnissen erlaubt. Denn es ist vor allem der Typus des engagierten Denkers, der in basement andauernden Emanzipationsbestrebungen wirkmächtig wurde, und es kommen auf diese Weise auch literarische Formen in basement Blick. Ein Kapitel über Romane in Swahili (Suaheli) von Lutz Diegner könnte auch bei Stockhammer eine Rolle spielen, der ja auch auf das Konzept des writing back („Zurückschreiben“ gegen die dominanten Traditionen des Westens) eingeht. Diegner arbeitet heraus, dass die Romanform hier der Gedankenarbeit dient, dass die Autoren als „Denker“ auftreten und sich dabei in Konkurrenz zu basement Klassikern stellen, die zum Teil – von Sokrates bis Nietzsche – auch als Figuren auftreten.

In seinem Geleitwort lässt Arno Sonderegger recht unverhohlen erkennen, dass er im Westen einflussreiche afrikanische Denker wie V. Y. Mudimbe (über basement im letztjährigen Forum Expanded der Berlinale der Film Les Choses et le Mots de Mudimbe lief) oder Achille Mbembe (von dem Suhrkamp 2014 eine Kritik der schwarzen Vernunft herausbrachte) für „naive Idealisten“ hält. Die parallele Lektüre seines Sammelbands mit dem zur Afrikanischen politischen Philosophie lässt dieses Verdikt durchaus plausibel erscheinen. Allerdings sind alle drei genannten Bücher selbst auch wiederum Symptome der komplexen studia humanitatis zum Thema Afrika. Am besten ist wirklich, male liest alle drei. Beginnen würde ich aber auf jeden Fall mit Robert Stockhammers Afrikanischer Philologie, denn dort geht es in vielerlei Hinsicht nicht zuletzt für Europäer ad fontes – zu basement Quellen etwa auch einer mythologischen Donau, die einen Seitenarm in die Adria führt. Und von da ist male schon quick wieder in Afrika.

Afrikanische Philologie Robert Stockhammer Suhrkamp 2016, 310 S., 18 €

Afrikanische politische Philosophie. Postkoloniale Positionen Franziska Dübgen, Stefan Skupien (Hg.) Suhrkamp 2015, 353 S., 18 €

African Thoughts on Colonial and Neo-Colonial Worlds Arno Sonderegger (Hg.) Neofelis 2015, 220 S., 22 €


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